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Michael aus Zofingen Offline


Beiträge: 294
Punkte: 248

23.07.2011 20:37
Ein Jahr danach Zitat · antworten

Etwa ein Jahr ist es her, daß bei uns in der Firma verlangt wurde, daß Chemiker, die im Labor arbeiten, ebenso wie die Laboranten lange blaue Arbeitshosen tragen mußten. Private Hosen waren nicht mehr erlaubt. Das war für mich Anlaß, grundsätzlich am Arbeitsplatz diese Arbeitshosen zu tragen, egal ob ich im Labor arbeite, im Büro Berichte verfasse, in den Fabrikationsanlagen nach dem Rechten schaue. Lediglich in Zusammenhang mit Kunden trug ich ab und zu mal eine private lange Hose.

Für den Weg zur Arbeit und zurück trug ich dagegen nicht diese blaue Arbeitshose, sondern eine private. Warum sollte ich nicht kurze Hosen für den Weg zur Arbeit tragen? Andere Mitarbeiter, die sich umziehen müssen, machen es doch auch, wenn es warm genug ist. Warum sollte ich es nicht dürfen. Also tat ich es. Ich hatte vor, solange in kurzen Hosen zur Arbeit zu radeln und wieder zurück, solange es warm genug ist – genauer: solange es MIR warm genug ist.

Konnte ich mein Vorhaben einhalten? Kann ich nicht sagen. Da es im letzten Winter nicht richtig kalt war, konnte ich die ganze Zeit den Arbeitsweg in kurzen Hosen antreten. Dazu trug ich Flipflops (ohne Sokken), auf dem Firmengelände an den Füßen, außerhalb in der Packtasche.

Was hat sich im Laufe dieses Jahres geändert? Die „Dame“, die für die Einführung des Arbeitshosen-Obligatoriums verantwortlich war, ist nicht mehr in der Firma. Daraufhin versuchte ein anderer Vorgesetzter (auf Anstiftung einer Laborantin), dieses Obligatorium zu entschärfen. Mit Erfolg: Ab Mai 2011 ist das Tragen der Arbeitshosen im Labor nur noch zwingend, wenn mit wirklich gefährlichen Dingen gearbeitet wird – für Chemiker UND Laboranten (das Tragen von kurzen Hosen im Labor ist aber weiterhin verboten). Was geschah? Die meisten Laboranten trugen weiterhin meist Arbeitshosen im Labor. Die Chemiker (außer mir) tragen weiterhin private Hosen, gehen aber wieder mehr ins Labor. Ich trage weiterhin im Labor die Arbeitshosen, da mir das Tragen von kurzen Hosen auf dem Arbeitsweg SEHR gut gefiel. Und auf dem Arbeitsweg kurze Hosen tragen und dann eine lange Privathose für die Arbeit anziehen? Das unterbleibt, da die Arbeitshosen auf Firmenkosten gereinigt werden, für die Reinigung der Privathosen muß ich selber aufkommen.

Habe ich Ärger bekommen von irgendwelchen höheren Tieren in der Firma? Bisher nicht. Richtig hohe Tiere sind mir allerdings noch nicht auf dem Firmengelände begegnet, während ich kurze Hosen trug. Einzig mein direkter Vorgesetzter hat mich im letzten August(!) darauf angesprochen, daß ich deswegen Ärger mit dem Personalchef bekommen könnte. Dabei hat er mich nicht einmal selber gesehen, als ich kurze Hosen trug. Dieser direkte Vorgesetzte ist nun auch nicht mehr in der Firma, sein Nachfolger ist noch nicht da (er dürfte im Oktober zu uns stoßen). Und noch etwas: Ab September (oder Oktober?) wird der Posten des Personalchefs neu besetzt, ein gebürtiger Holländer wird die Nachfolge des bisherigen Personalchefs („Dr. Si….“) antreten, der noch bis Ende Jahr im Unternehmen Aktivität vortäuschen wird, bevor er in den verdienten Ruhestand geht. Ich bin ja gespannt, was danach kommt.

Schöne Grüße
Michael aus Zofingen

Jay Offline


Beiträge: 695
Punkte: 695


24.07.2011 11:36
#2 RE: Ein Jahr danach Zitat · antworten

Hi Michael,

man müßte eigentlich fast sagen: Nun, dann kann´s eigentlich nur besser werden. Immerhin scheint sich ein Ansatz für neuen Rationalismus breitzumachen - [Spezial]Kleidung wird wieder mit dem Schutz vor Verletzungen & Arbeitsunfällen in Zusammenhang gebracht & nicht mit der fragwürdigen Schein-Repräsentationspflicht (& Selbstrepräsentation ist das schon gar nicht), "sich" mit irgendwelchen Outfit-Vorschriften in den Firmenräumlichkeiten in Einklang zu bringen.

Bieten denn die Labor-Arbeitshosen wirklich Schutz vor Substanzen wie heiße, konzentrierte Schwefelsäure oder noch Stärkerem? Sofern die Dinger nicht aus irgendwie völlig flüssigkeitsundurchlässigem hochchemikalienfesten Spezial-Gummimaterial bestehen, werden sie doch von verspritzten Flüssigkeiten aus berstenden Kochkolben sofort penetriert (genau wie das Anzughemd & die Krawatte, in diesem Bereich ist der meist weiße Labormantel ja völlig offen) & man hat das Zeug sofort voll auf der Haut...

BF in jener Fa. wird wohl nie kommen (an manchen anderen Chemie-, meist Studienlocations ist das ja möglich, wie man z. B. in Freising-Weihenstephan gesehen hat). Auch meine Wenigkeit war ja vor dem Abitur Chemie-"Leistungskurs"ler - & auch da gab´s Labor"übungen". Anfangs war der Chemielehrer ob BF im Labor recht befremdet & windete sich 'rum, ob er mir - mittlerweile grad' 'volljährig' & "erwachsen" geworden, den Befehl geben solle/könne, mein BF abzustellen... danach appellierte er an meine "Vernunft" (nun ja, beim Tragen von Schutzbrille war ich ja auch "einsichtig"): "Wenn da irgendwas passiert - barfuß im Labor, nein also wirklich, ts, ts, ts..." KOPFSCHÜTTEL (seinerseits)...

So kam ich dann - es war in jenem Herbst 1976 bereits kälter geworden - schon auch 'mal in Berkemann´s & er sah, daß er davon nicht viel hatte. Gewiß, mit meinen Fußsohlen konnte ich nun nicht mehr so direkt Fühlung mit verschütteten Chemikalienpfützen aufnehmen, aber meine Fußrücken waren natürlich nur minimal geschützt.

Es folgten dann Frühjahr & Sommer 1977, & er ließ dann Vernunft walten & gab alle seine Versuche auf, mir Schuhe aus Sicherheits- oder welchen Gründen auch immer schmackhaft zu machen. Viel Extremes haben wir ja auch nicht gemacht, in den beiden Jahren vor dem Abi stand organische & Biochemie auf dem Plan. Äthlyalkohol & Essigsäure mit einem Schuß konz. H2SO4 zu UHU-Fruchtkleberaroma verestert. Zuckerlösung mit Salzsäure in Glucose, Fructose & noch irgendwas anderes aufgespalten & dann mit Fehling-Reagenz versetzt (gibt roten Niederschlag). Phenol mit Formaldehyd unter Zuhilfenahme von NaOH zu irgendeinem primitiven Kunstharz polymerisiert.

Die größte Gefahr für meine Füße bestand darin, daß deren Rücken durch heiße Flüssigkeiten aus zerbrochenen Reagenzgläsern (zu sehr in der Bunsenflamme malträtiert) verbrüht, weniger durch die Charakteristika deren Inhalts verätzt worden wären. Indes, schon damals in der Schule sah man, welch' immense Sorge dem Körperteil "Füße" zuteil ward! Von der Schutzbrille für die Augen abgesehen, wurde meinem Gesicht, meinen Händen, meinem Oberkörper nicht annähernd derartiger Schutz geboten (wie jenes, = den 10 biblischen Geboten, "Du sollst dir Schuhe anziehen").

Zurück zur heutigen Berufswelt. Dieses operative Parallelschalten mehrerer Vorgesetzter mit "Weisungsbefugnis"¹ ist in Michael´s Fall besonders schlimm; ich kannte es bisher in meiner Berufspraxis im Angestelltenverhältnis noch nicht. Natürlich hatte auch KONTRON einen Personalchef; aber der hatte mir - abgesehen von rein juristischen Einstellungs- oder Entlassungsformalismen (wenn z. B. jemand beim Diebstahl von Werkseigentum erwischt wurde) - verdammt wenig zu sagen.

Operativ & hierarchisch unterstellt war ich nur dem Gesamtleiter Forschung & Entwicklung - der kümmerte sich nur um Leistung & Ergebnisse seiner Unterstellten, nicht um deren Outfits² - sowie natürlich dessen Chef, dem geschäftsleitenden GmbH-Oberboß, welcher sich im F & E-Areal nie sehen ließ.

Ich muß sagen, daß ich es als unangenehmen Alptraum empfände, hätte man im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit gleich mehrere Chefs gleichzeitig im Nacken sitzen - der eine, eigentliche Vorgesetzte, der sich um die eigentlichen Maloche-Ergebnisse kümmert & dann auch noch 1 oder mehrere, jeder mit seinem individuellen Spezialgebiet, um dessen akribische Reglements-Einhaltung er sich kümmert (& nur selektiv darum). Das kann soweit gehen, daß Abmahnungen & Kündigungen auch auf ganz anderen Wegen ausgelöst werden können als durch mangelnde Jobleistung & sich der einzelne Employee plötzlich in "peinliche Besprechungen" hereinbestellt sieht - mit Leuten, die er noch nie zuvor gesehen hat³ & bezüglich derer er gar nicht auf die Idee kam, daß sie in Wirklichkeit "Chefeigenschaft" ihm gegenüber haben. Gegenstand solcher "peinlicher Besprechungen" (mit Abmahnungs- ff.-Druck) aufgrund von "Verfehlungen" im mächtig arbeitsperipheren Bereich können sein (Beispiel: Alptraumarbeitgeber Texas Instruments Deutschland GmbH, Freising bei München):

[In wiederholten Fällen (wieviele toleriert werden, ist unbekannt, sehr viele sind´s nicht)]
* Mülltrennung nicht ordentlich eingehalten ("TI" ist wie irrwitzig um´s Image als hyperumweltfreundliches Unternehmen bemüht, jeder Mitarbeiter hat 4 Papierkörbe oder mehr am Arbeitsplatz);

* entgegen der Vorschrift mit dem Fahrzeugheck (d. h. mit dem Auspuff) dem Firmengebäude zugewandt geparkt;

* die Geschwindigkeitsbegrenzung von 10 km/h auf dem gesamten Werksgelände immer wieder nicht eingehalten, deutlich sichtbar "gerast" (vielleicht stellt der TI Werksschutz bald Tempomessungen mit eigenen "hoheitlichen" Befugnissen an);

* pro Arbeitstag ohne "Ein- & Ausstempeln" bei der Zeiterfassung mehr als 10 Minuten auf dem WC verbracht, dann informiert der Werksschutz, der ohnehin mit den Chip-Identifikationskarten-Türschleusen genaue Bewegungsbilder der Mitarbeiter aufzeichnet, den direkten Fachvorgesetzten;

* Über die Nichteinhaltung der Kleiderordnungen (effektiv: BF-Verbot 'auf dem gesamten Werksgelände', auch dem eigenen 4rad darf nicht BF entstiegen werden, um den Weg zwischen Parkplatz & Firmenbuilding zurückzulegen) reden wir erst gar nicht. Das Durchdrücken der Mitarbeiter-Outfit-Requirements fällt aber offenbar stärker als bei jenem Zofinger Chemiekonzern in den Kompetenzbereich des direkten [Fach]Vorgesetzten.

Zitat von Michael aus Zofingen
Ab September (oder Oktober?) wird der Posten des Personalchefs neu besetzt, ein gebürtiger Holländer wird die Nachfolge des bisherigen Personalchefs („Dr. Si….“) antreten, der noch bis Ende Jahr im Unternehmen Aktivität vortäuschen wird, bevor er in den verdienten Ruhestand geht. Ich bin ja gespannt, was danach kommt.


Normal gelten Holländer als liberal & fähig, Unwesentliches von Wesentlichem zu unterscheiden. Ein Garant dafür, daß in der Firmen[Mitarbeiterbekleidungs]kultur bessere Zeiten kommen, ist das allerdings nicht. Die zentrale Forschung & Entwicklung der PHILIPS Unterhaltungselektronik im niederländischen Eindhoven war eines der größten bekanntgewordenen Extreme an Spießertum [-"Unternehmenskultur"]. Details spare ich mir wg. Länge.

Michael: Dir alles Gute & bessere Zeiten wünschend, freundliche BF-Grüße von Jay, der leider Petrus gegenüber (oder welcher Gott auch immer für das gegenwärtige ultraverregnete Spätherbst- bis Frühwinterwetter verantwortlich zeichnet) nicht weisungsbefugt ist...
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¹ so heißt das seit langem in der Industriesprache ganz offiziell, d. h. die mit "Weisungsbefugnis" gegenüber einem ganz bestimmten Mitarbeiter X versehenen Leute können Befehle erteilen & der in der Hierarchie weiter unten stehende ("unterstellte") Mitarbeiter X muß sie ausführen. Egal, wie unsinnig & dem Firmenziel undienlich - Geld zu erwirtschaften - diese Anweisungen auch sein mögen. Überhaupt haben sich in der Wirtschaft - v. a. in USA - in den letzten 10 ... 15 Jahren immer mehr organisatorische / operative Strukturen, die vom Militär abgekupfert wurden, breitgemacht; so insbesondere auch das Faible für [Firmen]Uniformen.

² Sehr im Unterschied zu seinem Nachfolger 1991, der zwar Worte wie "Transistor", "Widerstand" etc. kaum buchstabieren konnte, aber sich sehr penibel um Einhaltung von Kosten- & Terminbudgets & "Stil + Etikette" kümmerte (Story aus Gesamt-HBF-Geschichte breit bekannt).

³ möglicherweise auch: Deren Namen er noch nie gehört oder gelesen hat.

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