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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Barfuß und Leben
Michael aus Zofingen Offline



Beiträge: 593
Punkte: 248

17.03.2013 20:00
Bodensee - Davos - St. Moritz - Zürich mit der Bahn Zitat · antworten

Am gestrigen Samstag nutzte ich das bis 14.4.2013 befristete Angebot meiner Krankenkasse, eine SBB-Tageskarte zum Preis von 57 Franken (das ist 1 SFR weniger als der Preis einer 9-Uhr-Tageskarte, die am Wochenende nicht gilt) zu erwerben. Warum sollte ich nicht auf diese Weise meine Krankenkasse schröpfen, wenn ich schon so gut wie nie krank bin!
In erster Linie wollte ich rheinnahe Bahnstrecken benutzen, die ich noch nie gefahren war, aber auch landschaftlich schöne und überwiegend bei schönem Wetter. Und letzteres war in den östlichen Landesteilen besonders zu erwarten. Am frühen Morgen war es wolkenlos und minus 6°C, als ich mit dem Velo zum ca. 1 km entfernten Bahnhof radelte. Schuhe und lange Hosen benötigte ich nicht für diese kurze Strecke. Da zwischen Laufenburg und Koblenz AG kein öffentlicher schienengebundener Nahverkehr mehr stattfindet, fuhr ich nicht nach Basel, sondern über die Umsteigeorte Olten und Turgi nach Bad Zurzach, wo ich eine halbe Stunde Aufenthalt hatte. Die Zeit überbrückte ich damit, daß ich ins bahnhofsnahe Städtchen wanderte und auch ein Stück bis an den Waldrand zur unbeobachteten Entwässerung meinerseits. Da die Waldwege steinhart gefroren waren, waren sind nicht angenehm barfuß begehbar. Als ich wieder am Bahnhof war, kamen ein paar Männer vorbei und sagten: „Barfuß und kurze Hose, wie im Sommer!“

Eine S-Bahn brachte mich rheinabwärts und ein Stück glattaufwärts bis Bülach, von wo ich mit dem RE ohne Halt bis Schaffhausen fuhr. Dann hieß es umsteigen in einen Thurbo, der mich über Kreuzlingen, entlang von Rhein und Bodensee bis Romanshorn brachte. Da ich vom Zug aus (wenn auch nur in Ausnahmefällen) Jogger in kurzen Hosen und/oder kurzärmeliger Kleidung sah, zog ich in Romanshorn erstmalig die Jacke beim Umsteigen nicht an. Es gab einige lästernde Stimmen von meist jüngeren Leuten. Der Anschlußzug nach Rorschach fuhr um 11 Uhr weiter, dort stieg ich um ein einen Doppelstöcker.

Der Doppelstöcker brachte mich aber nicht auf dem normalen Weg bis Landquart, sondern nur bis Heerbrugg. Wegen Bauarbeiten mußte dort in einen Ersatzbus nach Altstätten umgestiegen werden, kotz, würg! Aus dem Fahrplan wußte ich vom Streckenunterbruch, an den Bahnhöfen davor wurde aber niemand informiert, und im Zug erfuhren die Fahrgäste erst kurz vor Heerbrugg in verrauschter Lautsprecheransage kurz und knapp davon. Der Buschauffeur dagegen begrüßte die Fahrgäste höflich und verständlich (außer wenn kein Schweizerdeutsch versteht) durch den Lautsprecher und verabschiedete sich ebenso am Bahnhof Altstätten, wo wieder ein Doppelstöcker wartete. Daß mir dieser Busfahrer keine Schwierigkeiten wegen barfuß oder kurzer machte, überrascht nicht. Immerhin ist in der Ostschweiz barfuß auch heute noch weniger unüblich als anderswo. Und ein Bus ist ja schließlich was anderes als ein Westerländer Edeka-Markt oder ein Kulturgut in einem überwiegend calvinistisch geprägten Kanton der Westschweiz.

So verbreitet ist barfuß in der Ostschweiz auch wieder nicht. Denn als ich in Landquart ausstieg und eine Frau mit zwei kleinen Kindern (das jünger noch kinderkarrenabhängig) ebenfalls aussteigen wollte, rief das ältere immer wieder „barrrfuhhhhhs – barrrfuhhhhhs - barrrfuhhhhhs“. Was die Mutter aber nicht daran hinderte, mich zu beten, ihr beim Tragen der Kinderkarre aus dem Zug zu helfen und sich hinterher höflich zu bedanken. In der Bahnhofsunterführung hörte ich immer wieder eine Kinderstimme: „barrrfuhhhhhs – barrrfuhhhhhs - barrrfuhhhhhs“.

Mit der Rhätischen Bahn ging es nun langsam bergauf über Küblis und Klosters nach Davos. Eine wirklich landschaftlich schöne Strecke. Der Schnee, der im Mittelland nur in schattigen Bereichen lag, wurde immer mehr. Immer mehr ein- und aussteigende Fahrgäste waren Wintersportler, womit die Unterschiede bzl. Kleidung zwischen mir und anderen Fahrgästen immer krasser wurden. Dabei sind mir an diesem Tag innerhalb von Zügen und Bahnhofseinrichtungen keine Personen begegnet, die barfuß, sokkenlos oder bluttbeinig waren, weder vorher, noch nachher. Die erwachsenen Fahrgäste schienen sich aber nicht an meiner Aufmachung zu stören, nur winterlich vermummte Kinder machten ab und zu verstohlene Blicke auf meine Nichtschuhe – und drehten sich rasch zur Seite, wenn ich in ihre Richtung blickte.

Um 13.55 Uhr erreichte mein Zug den Endbahnhof Davos Platz, um 14.31 Uhr ging es weiter. Was tun? Irgendwie reizte mich der Schnee. Auf dem Bahnsteig war es derart frisch (deutlich kälter als etwa in Landquart), daß ich eine Jacke überziehen mußte. Ich unterquerte die Bahngleise (geräumte Wege), überquerte einen Fluß und begab mich dorthin, wo sich die Wintersportler aufhielten. Einige kamen den Hang runter, andere betrieben Skilanglauf, wieder andere waren mit Wanderschuhen unterwegs. Wie würde sich der Schnee wohl unter meinen Nichtschuhen anfühlen? Ein vorsichtiger Schritt vom geräumten Weg in den festgetretenen Schnee. Analysenresultat: Der Davoser Schnee erfüllte die Spezifikation „warm“ auf der Immenstädter Yetiskala, aber so warm, um ihn „sehr warm“ zu nennen, war er auch wieder nicht. Solange man in Bewegung bleibt, machte das Barfußgehen darauf echt Spaß, viel Spaß! Die meisten erwachsenen Leute lächelten, ich vernahm auch Worte wie „die neue Wintersportart“, „Abhärtung der extremen Art“. Kinder dagegen schienen umso verwunderter. Ein Mädchen sprach: „Mami, hast du den gesehen. Wie läuft denn der rum?“. Den Vogel abgeschossen hat jedoch ein Knabe, der von seinem Vater getragen wurde. Er war die ganze Zeit am Plärren, etwa so (für eine korrekte Schreibweise übernehme ich keine Garantie): „WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄF – der ist BLUHHHHHUTTTT; WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄF – der ist BLUHHHHHUTTTT; WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄF – der ist BLUHHHHHUTTTT“. Ob ich wirklich der Auslöser für das Geplärre war oder ob der Junge aus völlig anderen Dingen geplärrt hat und er dann noch mich gesehen hat, kann ich nicht sagen.

Leider mußte ich weiter, zunächst nach Filisur, und dann über die Albulastrecke nach St. Moritz. Hier rannte ich durch die Bahnhofsunterführung zum Nachbarbahnsteig, um den Gegenzug zu erwischen, der die gesamte Albulastrecke (ein Weltkulturerbe, kein Kulturgut mit Barfußverbot) über Preda, Bergün, Filisur, Tiefencastel, Thusis und weiter über Reichenau bis Chur befuhr. Als ich in St. Moritz den Zug wechselte und ich mich an einen Platz setzte, den zwei ältere Frauen einsehen konnten, sagte die eine: „Brrr, da krieg ich ja Schüttelfrost. Hat man ihnen die Kleidung gestohlen“ Ich antwortete: „ Hier im Zug ist es doch warm genug. Und für draußen habe ich eine Jacke dabei. Und Erkältungen bekomme ich davon auch nicht, im Gegenteil. Wenn sich welche erkälten, dann sind es eher diejenigen, die mich sehen.“ Erst später fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, den Damen mitgenommene Flyer mitzugeben.

In Chur wechselten ich in einen Intercity nach Zürich, der dazwischen nur in Landquart und Sargans hielt. Hier sollte mein letztes Offtopic-Fahrzeug-Event, nämlich die Befahrung der Glatttalbahnstrecken beginnen. Diese kannte ich auch nur teilweise. Ich bahnte meinen Weg durch den Zürcher Hauptbahnhof in Richtung Tramhaltestelle. Da ich (aus Ennepetaler Sicht) barfuß lief und nicht ging, war das Überziehen einer Jacke nicht nötig. Ich bestieg das nächste Fahrzeug der Linie 10. Am Central stieg eine 4köpfige Gruppe zu, die sich dann lautstark unterhielten und das Thema sich eindeutig auf meine nicht gerade übermäßig winterliche Aufmachung bezog. Sie setzten sich in unmittelbare Nähe von mir und rätselten, was ich wohl im Sommer tragen würde, wobei auch das Wort „füdliblutt“ (für Nichtschweizer: 2zeh – äh – 2c-Sünder). Es fielen Worte wie „Sommer“, „Hochsommer“ und nach einiger Zeit sogar „DOKTOR Sommer!“ Darüber konnte ich nur schmunzeln – und war in meinem Fall nicht einmal völlig falsch, da ich mich nicht der guttenbergschen Methode zur Erlangung meines Chemieabschlusses bedient habe. Ein paar Haltestellen später stieg auch noch eine junge Frau ein, worauf es wieder klang: „Schon wieder, ich glaube, es ist Frühling!“ Die Frau ging in einen anderen Teil des Trams. Sie trug in der Tat einen kurzen Rock, der nur unwesentlich länger war als meine Hose. Ihre hochhackigen Schuhe bedeckten ihre Füße auch nicht gerade überreichlich. Aber im Gegensatz zu mir trug sie eine dikke Winterjacke, eine mettwurstfarbene Strumpfhose und eine Mütze (Deckelkappe). Später sprachen die Leute mich auch noch an. Der Tonfall zeugte zwar nicht unbedingt von Mitgliedern der oberen 10000, aber im Kern war er doch eher positiv gestimmt. Hier vergaß ich es nicht, Flyer zu verteilen. Das Tram fuhr nur bis Oerlikon. Die Leute wollten offensichtlich einen Eishockey-Match in der Eissporthalle besuchen.

Ich dagegen wartete auf die nächste Glatttalbahn der Linie 10. Diese fuhr bis zur Endstation „Flughafen Fracht“. Hinter Oerlikon saßen ohnehin nicht mehr viele Menschen im Zug, und die meisten stiegen am Flughafeneingang (vorletzte Haltestelle) aus. Auf dem letzten Stück war ich der einzige Fahrgast. Was Gesamtpersonenzahl im Tram anbelangt, hielten sich auf diesem Streckenstück vermutlich Barfüßer und Schuhträger, Kurzhösler und Langhösler sowie Barhäuptige und Bemützte jeweils die Waage. Da ich den Tramchauffeur nur „im oberen Bereich“ gesehen habe, kann ich lediglich nur das letzte mit Sicherheit sagen, das andere ist Hypothese.

Das Tram fuhr als Linie 12 wieder zurück, verließ aber am Glattpark die bisherige Strecke, um die später gebaute Strecke über Wallisellen nach Stettbach zu fahren. Hier wechselte ich in ein „normales“ Tram, das mich wieder ins Stadtzentrum brachte. So „normal“ ist diese Tramlinie aber auch wieder nicht, da sie (im Linksverkehr) einen „auf Vorrat“ gebauten Tunnel der nie realisierten Zürcher U-Bahn durchfährt. Die 3 Tunnelstation leuchteten in einem freundlichen Violett. Und da ausgerechnet in einer der Tunnelstationen ein junges Paar zustieg und „Barfuß und kurze Hose, das gibt’s doch nicht“ sagte, ist diese Passage nicht allzu offtopic.

Um am Hauptbahnhof den Zug noch zu erreichen, verfiel ich in eine schnellere Gangart (oder sagt man ennepetalisch korrekt „Laufart“?). Einige vermutlich nicht mehr ganz nüchterne Leute riefen mir irgendwas nach, und einer versuchte sogar neben mir her zu laufen, um die Frage zu stellen „Ist das nicht zu kalt? Frieren Sie nicht?“ Der Zug fuhr ohne Halt bis Olten, der Anschlußzug nach Zofingen stand schon. Ein weiblicher Teenager sagte: „Oh mein Gott!“. Für die Fahrt mit dem Velo zog ich wieder die Jacke über, es war plus 2°C. Ein schöner Spätwinter- oder Frühsommertag ging zu Ende.

Schöne Grüße
Michael aus Zofingen


Markus U. Offline

Admin


Beiträge: 1.943
Punkte: 794

18.03.2013 12:36
#2 RE: Bodensee - Davos - St. Moritz - Zürich mit der Bahn Zitat · antworten

Hi Michael,

ein toller Bericht, der bei mir sehnsüchtige Erinnerungen an die Eisenbahn- Herbsttour weckte, die Leo und ich im Oktober 2010 durch die Schweiz unternommen hatten. Allerdings waren wir damals weder nach Davos gelangt, noch waren wir die Albula- Strekke gefahren.

Die Furka- Strekke und der tief verschneite Bahnhof von Andermatt waren freilich auch ein Erlebnis gewesen, und wie sich zwei Jahre später wiederum zeigte, muß man in den Schweizer Bergen bereits im Oktober alleweil mit Schnee rechnen. Und wo der Schnee schon so zeitig im Herbst fällt, da hält er sich natürlich auch bis weit in den Frühling, der uns ja heuer mit Ausnahme einiger warmer Tage einen recht kühlen März beschert.

Barfüßige Frühlingsgrüße,
Markus U.


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