Hobby-Barfuß-Renaissance-Forum

ein kleines demokratisches Forum für Leute, die gerne barfuß laufen





#1

Thorsten und Katinka. Eine romantische Geschichte

in Barfuß und Leben 12.07.2025 13:56
von Zalesski | 27 Beiträge | 527 Punkte

Es ist eine romantische Geschichte mit einem Happy End, von der ich am 10. April zum ersten Mal erfuhr und deren Einzelheiten mir erst zwei Monate später, am 16. Juni, offenbart wurden. Auch für mich ein Glücksfall, denn gleich zwei Barfußläufer kamen in mein Museum, und ich konnte sie zu einem Interview ermutigen – ein großer Erfolg, der sich vielleicht nie wiederholen wird.
Ich hatte an diesem Tag Dienst im zweiten Stock des Rothschild-Palais, wo es im Gegensatz zu den anderen Stockwerken nur einе Aufsicht vorgesehen ist. Außerdem ergab es sich, dass während des halbstündigen Aufenthalts von Thorsten und Katinka keine anderen Besucher auf meiner Etage waren und wir uns in Ruhe unterhalten und die weitere Kommunikation vereinbaren konnten. Es ist sehr wichtig, dass es mir an diesem Tag gelungen ist, ein vollwertiges Foto von den beiden vor der Kulisse wunderschöner Museumsobjekte zu machen.
Schüchtern wie ein kleines Mädchen, lehnte Katinka zunächst das Fotografieren ab, aber wie kann man einen Menschen abweisen, der so viel Interessantes über jedes Exponat weiß und, wer hätte das gedacht, sich aufrichtig freut, die nackten Füße der Gäste zu sehen.



Als ich erfuhr, dass sie in Friedberg (eine Stadt 30 km nordöstlich von Frankfurt, die Hauptstadt des Wetteraukreises) leben, kam mir sofort die Idee, gemeinsam eine wichtige Sehenswürdigkeit der Gegend zu besuchen – die größte noch erhaltene in Deutschland mittelalterliche Mikwe (ein jüdisches Ritualbad), erbaut im 13. Jahrhundert, die bis zu einer Tiefe von 25 m unter der Erde reicht, was mindestens der Höhe eines vierstöckigen Gebäudes entspricht.



Außerdem arbeitet im kleinen Museum bei der Mikwe meine sehr kompetente und sehr tolerante Kollegin, wohnhaft in Friedberg, die zu den besten Guides auch im Jüdischen Museum Frankfurt zählt.
Doch trotz unserem großen gemeinsamen Interesse an diesem Ort konnte diese Idee nicht verwirklicht werden, denn Thorsten bezweifelte, ob er den Abstieg über die Treppe schaffen würde. Wie ich aus der nachfolgenden Korrespondenz erfuhr, hat dieser scheinbar robuste Mann tatsächlich ein ernstes Lungenproblem, das ihm das Treppensteigen erschwert. Aus diesem Grund gilt er offiziell als Behinderter und geht nicht zur Arbeit, sondern arbeitet von zu Hause aus im Bereich der Informationstechnologie. Deshalb beschlossen wir, auf den Museumsbesuch zu verzichten und stattdessen in einem Café zu sitzen und durch die Stadt zu schlendern.
Ich besuchte die alte Mikwe am 26. Mai allein, nachdem ich meine Kollegin zuvor gewarnt hatte, dass ich dort ein wenig ungewöhnlich aussehen würde, nicht so, wie ich normalerweise im Museum aussehe. Was sie sich dabei gedacht hat, weiß ich nicht, vielleicht hat sie erwartet, mich mit einem Irokesenschnitt wie bei Thorsten zu sehen, aber ich war froh, dass sie dank dieser Warnung meine nackten Füße akzeptiert und keine unnötigen Fragen gestellt hat. Sie machte sogar ein Ganzkörperfoto von mir.




Aber selbst ein Treffen in einem Café und ein Spaziergang durch die Stadt stellten sich als nicht so einfache Aufgaben heraus, weil die beiden ihre vier Kinder jeden Tag betreuen mussten. Und erst am 16. Juni standen die Sterne so, dass Thorsten und Katinka trotz ihrer enormen Belastung (Rufbereitschaft, Prüfungen, Abiball, Abschlussfest, Geburtstag, usw.) noch Zeit fanden, sich mit mir zu treffen.
Als ich übrigens zum ersten Mal von den vier Kindern erfuhr, glaubte ich nicht, dass es ihre gemeinsamen Kinder waren. Nachdem ich aus ihrer Korrespondenz erfahren hatte, dass es sich nicht um Lebenspartner, sondern um ein normales Ehepaar handelte, tippte ich auf eine „Patchwork-Familie“. Ihr Verhalten erinnerte zu sehr an das übliche Verhalten von Frischvermählten oder Verliebten. Obwohl es einige Paare gibt, die sich immer so verhalten, wer kann das wissen. Das wollte ich unbedingt herausfinden.
Die Hauptfrage jedoch, auf die ich eine Antwort hoffte und die mir aus unserem ersten, ziemlich ausführlichen Briefwechsel nicht klar geworden war, lautete: Wann und wie kamen sie zum Barfußlaufen? Geschah der Übergang zum Barfußlebensstil gleichzeitig oder steckte einer den anderen mit seinem Beispiel an? Kannten sie sich damals schon oder trafen sie sich zum ersten Mal als Barfüßler?
Und nun bin ich wieder in Friedberg,




und Thorsten mit Katinka beantworten meine Fragen.



Die erste davon betraf Thorstens Krankheit und seine Arbeit. Seine Lungenprobleme begannen, als seine eigenen Kinder beim gemeinsamen Toben auf ihm herumsprangen und ihm dabei einen Lungenflügel zerquetschten. Genauer gesagt platzte in der Lunge ein Äderchen, es entstand ein Hämatom, weshalb der gesamte Lungenflügel dringend entfernt werden musste. Seitdem atmet Thorsten nur noch mit einem Lungenflügel, im Brustkorb ist ein Hohlraum entstanden, in den die Leber hineinragt, und das Zwerchfell ist gelähmt. Deshalb ist schwere körperliche Anstrengung für ihn untersagt.
Dieser Mann, der keine gesundheitlichen Probleme zu haben scheint, kämpft in Wirklichkeit jede Minute um sein Leben. Auch im Schlaf, denn der bei vielen vorkommende Apnoe kann für ihn katastrophale Folgen haben, wenn er nicht vor dem Schlafengehen ein im Schlaflabor entwickeltes Spezialgerät nutzt, das ihm also täglich das Leben rettet. Bei unserem Gespräch hatte ich immer Angst, dass Thorsten zu viel redete und ab und zu war ich kurz davor, ihn zu unterbrechen, aber ich tat es nicht, damit er nicht dachte, dass mich das, was er sagte, nicht interessierte.
Außerdem drückte Katinka jedes Mal fest seine Hand, wenn er kurze Hustenanfälle bekam, und ich war sicher, dass sie rechtzeitig reagieren würde, falls Thorsten seine Grenzen überschritt. Natürlich ist unter diesen Bedingungen kein normales Arbeitsleben möglich, und es ist einfach das Glück, dass sein Beruf es ihm erlaubt, von zu Hause aus zu arbeiten. Nämlich arbeitet er für ein großes Unternehmen, das auf Computersicherheit spezialisiert ist, wo er sich mit der Private-Key-Infrastruktur beschäftigt – er entwickelt und setzt allerlei Mittel ein, die einen unerwünschten Zugriff auf Informationen verhindern.
Mit sowas hat heute fast jeder zu tun, manchmal mehrmals am Tag, man meckert ständig darüber, aber ohne Spezialisten wie Thorsten wäre die Arbeit im Internet einfach unmöglich. Es gibt sie ja nicht so viel, und es ist kein Wunder, dass es keine genaue Übersetzung dieses Fachs ins Deutsche gibt und solche Spezialisten nirgends ausgebildet werden; sie entstehen einfach irgendwie von selbst, wahrscheinlich als Naturtalente, einer von denen Thorsten ist. Und dies ist nicht der erste Beruf, den Thorsten sich selbstständig erlernt hat, nicht von Büchern oder von Lehrern, sondern indem er aus der praktischen Arbeit Schlussfolgerungen gezogen hat.
Ursprünglich hat Thorsten eine Ausbildung zum Automechaniker absolviert. Er machte den Abschluss, erhielt ein Diplom, arbeitete jedoch nie direkt in diesem Beruf. Der Grund für sein Scheitern als Automechaniker ist zwar ebenfalls gesundheitlicher Natur, damals hatte er jedoch ein anderes Problem: eine Arthrose der Kniegelenke, die ihn schon in jungen Jahren befiel. Was ist das für ein Automechaniker, der nicht unter ein Auto kriechen kann? Thorstens Wissen blieb ihm jedoch erhalten und nützte ihm in dem Bereich, in den er nun wechselte: Autohandel.
Gemeinsam mit seinem Freund bereiste er ganz Deutschland, ja nicht nur Deutschland, sondern fast die ganze Welt, auf der Suche nach Verkäufern und Käufern. Als er einmal geschäftlich in Togo war, konnte er wegen eines unerwarteten Generalstreiks nicht von dort abfliegen und blieb für einige Monate im Land sitzen. Da er sein gesamtes mitgenommenes Geld ausgab, musste er illegal die Grenze zu Ghana überqueren, und am Ende wurde er von der Polizei festgenommen und musste für einen Tag ins Gefängnis...
Kurz vor Ende seiner Zeit als Autohändler gab es immer mehr Freizeithändler die es sich leisten konnten ihre Autos für wenige hundert DM Gewinn zu verkaufen. Thorsten und sein Freund hatten einen eigenen Parkplatz, den sie Instandhalten mussten, und es war ziemlich teuer. Sie waren einfach gezwungen, ihre Autos zu einem viel höheren Preis zu verkaufen, nicht für Hunderte, sondern für Tausende. Das ist ein ganz normales Geschäft, das für alle Beteiligten von Vorteil ist. Allerdings unter einer Bedingung: der Autohändler muss sicher sein, dass das Auto fahrbereit und in einem guten Zustand ist.
Eines Tages brach sein Freund diese ungeschriebene Regel und verkaufte einem Kunden ein Auto mit einer defekten Hinterachse. Am nächsten Tag stand der Kunde mit einer Waffe im Koffer vor beiden Partnern. Und Thorsten gab diese Art des Geldverdienens einmal für alle Male auf, aus Befürchtung, dass sich die Situation wiederholen könnte und er für die Unehrlichkeit eines anderen herhalten müsste. Thorsten hat noch nie jemanden betrogen, und das sollte auch so bleiben.
Also wechselte Thorsten erneut den Beruf und wurde Informatiker, oder besser gesagt, er machte sich selbst zu einem. Die neue Haupttätigkeit ermöglichte ihm, seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen zu trotzen und ausschließlich mit seinem eigenen Verstand Geld zu verdienen. Doch auch heute bleibt er seiner ersten großen beruflichen Liebe nicht gleichgültig und konnte es sich in meiner Anwesenheit nicht verkneifen, Bemerkungen über geparkte Autos zu machen, die seine Aufmerksamkeit erregten.
Thorsten hat nicht sofort das gemacht, was er heute in der Computerbranche macht. So beschäftigte er sich lange Zeit mit der Automatisierung vom Computerbedienen. Tja, es klingt, als hätten Informatiker ihre Aufgaben an Roboter übergeben wollten. Und so war es wirklich. Mit aller Sorgfalt sägte Thorsten gezielt am Ast, auf dem er saß, und verlor am Ende natürlich seinen Job. Er musste nach etwas anderem suchen und wurde fündig. In das Thema Computersicherheit stieg er erst während der Coronavirus-Pandemie ein.
Es handelt sich um einen echten Vollzeitjob, keine selbstständige Tätigkeit, wie ich zuerst dachte, er hat einen Chef über sich, der von ihm einen vollen Einsatz während der Arbeitsstunden verlangt. Doch trotz seiner Rufbereitschaft, die er alle 2-3 drei Monate 24/7 hat, war ein Treffen an einem Nachmittag möglich. Es auf den Abend zu verschieben wäre für mich sehr unpraktisch gewesen, da ich frühmorgens zur Arbeit musste und auf Thorsten und Katinka abends zu Hause drei Kinder warteten, von denen das jüngste 10 Jahre alt ist und für die sie noch lange sorgen müssen.
Daher dieser Kompromiss, dank dem wir drei Stunden zusammen verbringen konnten, teils im Café und teils bei einem Spaziergang durch diese kleine Stadt mit einer sehr interessanten, unvergleichlichen Geschichte. Zum Beispiel kenne ich keinen anderen Fall, wenn eine Burg und eine Stadt, in der sie sich befindet, einst zwei verschiedene Staaten darstellen oder zumindest nach unterschiedlichen Gesetzen leben würden. Darüber, wie es sich anfühlt, in einer Burg zu leben, habe ich mich mit einer ihrer Bewohnerin unterhalten, die gerade an der Schwelle ihres Hauses die vorbeigehenden Touristen betrachtete und sich gerne bereit erklärte, ein Foto von uns dreien zu machen...



Doch etwa drei Stunden nach Beginn unseres Treffens kam ein Anruf von Thorstens Arbeit, und er mit Katinka eilten nach Hause.
Und da wurde mir klar, warum Katinka, als ich sie gefragt habe, wie ist es dazu gekommen, dass sie in Friedberg lebt, warum ist sie nicht in Frankfurt geblieben, wo sie, wie ich schon aus dem Gespräch im Museum wusste, aufgewachsen war, von den Vorteilen des Landlebens sprach. Das haben die beiden beschlossen, als sie die ersten Kinder bekamen und vorhatten, eine große Familie zu gründen: Die Kinder sollten in einer ländlichen Umgebung aufwachsen, näher an der Natur, fernab von Lärm und Chaos, von den Verlockungen einer Großstadt. Sie glaubten, solche Bedingungen in einem Ort nahe der A5 in der Wetterau vorzufinden. Einer kleinen Stadt nahe Friedberg mit allem was eine kleine Familie benötigt. Doch schnell wurde klar, eine Wohnung ist zu klein, es muss ein Haus her. Dieses haben sie dann vor 20 Jahren in einem Vorort von Friedberg gefunden. Ein Ort der ländlicher kaum sein könnte, umgeben von Feldern und doch mit S-Bahn, Anschluss deren eine Endstation Bahnhof Friedberg und die andere Frankfurt ist.
Wie sich herausstellte, wuchs auch Thorsten in Frankfurt auf, im halb-ländlichen Goldstein, das in den 1920er Jahren erbaut wurde. Und was für mich sehr wichtig zu hören war: Sie haben den Übergang zum Barfußleben auch gemeinsam und gleichzeitig vollzogen, da sie seit 22 Jahren alles zusammen machen. Dies wurde von beiden Partnern bestätigt.
Den Anstoß zum Verzicht auf Schuhe gab… Sabrina Fox, deren Bericht Thorsten vor sieben Jahren zufällig im Radio hörte und die er als „Reporterin“ bezeichnet. Wie oft höre ich diesen Namen in den Barfußbiografien meiner deutschen Bekannten! Und wie sich herausstellt, sind es nicht nur Frauen. Welch kraftvolle Impulse gab diese Frau, die jedes Herz erreichen konnte, mit jahrtausendealten Vorurteilen aufräumte (vor wie vielen Jahren wurden Schuhe erfunden? Vor fünftausend, vor zehntausend Jahren? Immer noch keine Ewigkeit…) und einfach und deutlich erklärte, dass es möglich ist, barfuß zu gehen. Ohne Sabrina Fox würde Thorsten jetzt sowieso mit dem Irokesenschnitt glänzen, den er schon doppelt so lange trägt, wie er barfuß läuft – nämlich vierzehn Jahre, aber Katinka, die aus offensichtlichen Gründen damit nicht überzeugen könnte, wurde barfuß ja zum echten Star!
Und was meint ihr, habe ich an dieser Stelle Katinka gefragt, wie alt sie ist? Von wegen. Wie kommt ihr darauf? Nein, so taktlos war ich wirklich nicht. Aber ich habe aus den mir nun bekannten Fakten eine einfache Schlussfolgerung gezogen. Die älteste Tochter, die übrigens beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters tritt und eine Ausbildung zur Fachinformatikerin anstrebt, ist genau 21 Jahre alt. Jetzt Achtung! Als Thorsten und Katinka sich kennengelernt haben, war sie 27 und er 32. Machen wir eine kleine, einfache Berechnung im Kopf, zählen wir zwei Zahlen zusammen, dann neun Monate dazu – bitte, das Ergebnis ist da, aber es ist sofort zu vergessen! Eine Frau wird nicht nach ihrem Alter gefragt! Und möge Katinka immer so jung und schön bleiben, wie sie jetzt ist, barfuß oder auch nicht! Wie ihr seht, hat Thorsten bereits die 50-Jahre-Schwelle überschritten und es mehrmals offen erwähnt, als er von seinen erstaunlichen beruflichen Umbrüchen und fantastischen Überraschungen, die sein widerspenstiger Körper ihm beschert hat, erzählte.
Und all meine Fantasien, dass Thorsten und Katinka, die beide in Frankfurt aufgewachsen sind, in denselben Kindergarten oder zumindest in dieselbe Schule gegangen wären, erwiesen sich als unbegründet! Darüber hinaus gab Katinka zu, dass Thorsten keine Chance gehabt hätte, wenn sie ihn etwas früher getroffen hätte, als es tatsächlich passierte! Sie hätte ihn für unreif gehalten, nicht respektabel genug. Doch irgendwann kam dieser Moment. Sie haben sich getroffen, eine angehende Ethnologin, eine vielversprechende Forscherin, die gerade ihr Universitätsstudium in Frankfurt Uni abgeschlossen hat und an einer Dissertation arbeitete, und der junge Mann in zerfetzten Jeans, der sich mit Computern zu gut für einen Laien ohne Ausbildung auskennt, ein Automechaniker, der nur kurz in dem gelernten Beruf gearbeitet hat… Und plötzlich stellte sich heraus, dass sie beide das Leben gleich empfanden und die gleichen Prioritäten setzten. Die Familie steht für die beiden an erster Stelle, das ist das Wichtigste. Auch an zweiter und an dritter. Und die Arbeit an welcher Stelle? Auch eine Lieblingsbeschäftigung – und Thorsten und Katinka haben eigentlich noch nie eine Arbeit gemacht, die ihnen nicht gefiel – soll zum Wohl der Familie beitragen, so meinten die beiden.
Doch inzwischen wurde Thorsten bereits ein erfolgreicher Unternehmer und hat praktisch bewiesen, dass Diplome nicht so wichtig sind. Das Wichtigste für den Erfolg im Leben ist die Fähigkeit und der Wunsch, Neues zu lernen. Nur so geht das, meint mit Recht der Mann!
Die Angaben über ihre aktuelle Tätigkeit, die Katinka in meinem Fragebogen angegeben hat, den ich alle Barfußläufer ausfüllen lasse, was sie und Thorsten netterweise kurz vor unserem Treffen gemacht haben, ergänzte sie jetzt damit, dass sie erst seit etwa zwei Jahren Senioren Englisch und Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche Deutsch beibringt. Katinka hat meine Vermutungen bestätigt, dass erstens beide Ausbildungen an einer Einrichtung stattfinden und sie also nur einen Arbeitgeber hat (einen privaten Anbieter von sozialen Diensten) und dass sie zweitens zuvor gar nicht oder nur sehr wenig gearbeitet hat und erst als die Kinder größer geworden sind, die älteste Tochter ausgezogen ist und sie somit ein Kind weniger zu Hause hatten, konnte sie eine Lehrertätigkeit ausüben. Als sie noch Vollzeitmama war, arbeitete sie ab und zu nebenberuflich in einigen völlig ungewöhnlichen für sie Bereichen wie zum Beispiel in einem Obstladen.
Seit vielen Jahren engagiert sie sich auch ehrenamtlich für ein paar Stunden pro Woche in der Gemeindebücherei die sie leitet. Ihre Forschungsarbeit hat sie aber vor 21 Jahren – seit ihre erste Tochter zur Welt kam – vorübergehend unterbrochen, obwohl sie ihr Thema noch immer für aktuell hält und gerne darüber spricht. Wer weiß, vielleicht kehrt sie in die Wissenschaft zurück? Solche Beispiele gibt es ja in meinem Bekanntenkreis! Genauer gesagt, ich kenne nur ein Beispiel, aber ich habe auch nicht viele Bekannte unter Müttern mit so vielen Kindern. Die Frau, die ich meine, hat drei Kinder großgezogen, wobei ihr jüngster Sohn im Gegensatz zu Katinkas Sohn 20 und nicht 10 Jahre alt ist… Noch zehn Jahre bleiben also, bis Katinka ihre Forschung hoffentlich wieder aufnimmt.
Worum ging es also in Katinkas Doktorat? Lacht bloß nicht, so wie ich gelacht habe, als Katinka sein Thema genannt hat. Es geht um eine Gruppe von… Irokesen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Kanada nach Deutschland transportiert und dort lange Zeit vorgeführt wurde. Man sollte Eintritt zahlen, um sie zu sehen. Normalerweise wird diese Episode nur als Verletzung der Menschenwürde betrachtet, aber in Wirklichkeit, so behauptet Katinka, war es nicht so eindeutig, und sie weiß, wovon sie spricht... Thorsten ist also nicht nur kein Nachkomme dieser echten Irokesen, er hat sogar seine Frisur überhaupt nicht unter dem Einfluss von Katinka bekommen, und sein Irokesenschnitt hat nicht mit ihrer Dissertation nichts zu tun. Nicht ganz wie ich dachte... Ein Forschungsobjekt hat sie immerhin zu Hause, oder? Katinka hat meinen Witz verstanden. Und sie fügte hinzu, ich weiß bis jetzt nicht, im Ernst oder auch als Witz, dass es eigentlich sehr einfach sei, einem Ehemann einen Irokesenschnitt zu verpassen. Man soll lediglich das gesamte Haar an den Seiten wegschneiden und die Mitte unberührt lassen, das ist alles. Diese Pflicht in ihrer Familie fällt ihr zu, sie denken nicht einmal daran, damit zu einem Salon zu gehen. Der wirtschaftliche Vorteil liegt auf der Hand!
Allerdings war Thorstens Entscheidung, seine Frisur zu ändern, nicht zufällig. Er trug bereits in seiner Jugend einen Irokesenschnitt - damals, als er noch unreif war und keine Chance hatte, Katinkas Herz zu gewinnen. Es ist davon auszugehen, dass der junge Mann in dieser Zeit seine Hobbys und seinen Kleidungsstil ständig änderte. Aber dafür ist die Jugend ja da, um alles auszuprobieren. Der Weg zu sich selbst wurde von Thorsten zum Alter von 32 Jahren erfolgreich abgeschlossen. Und seitdem kann sich Thorsten trotz aller Unglücke jetzt mit Recht als glücklichen Mann bezeichnen. Der Irokesenschnitt, das Barfußlaufen und noch der Sarong, den er im Dorf gerne trägt (manchmal nennt Thorsten seinen Wohnort ein Dorf, im Gegensatz zu Friedberg, das eindeutig eine Stadt ist), sind ein Bonus für das Glück, das ihm das Familienleben bereitet. Und Katinka ist ebenso glücklich, trotz ihrer unvollendeten Dissertation und ihres kranken Mannes, glaubt mir! Nur trägt sie, zum Unterschied von ihrem Mann, in der Öffentlichkeit keinen Sarong, der eigentlich in unserer Gesellschaft in erster Linie als Strandbekleidung für Frauen gilt (Thorsten interessieren solche Kleinigkeiten ganz und gar nicht). Ihre Kleidung ist stets betont konventionell und bildet einen süßen Kontrast zu Thorstens exotischem Aussehen. Diese Rollenverteilung wurde schon vor längerer Zeit festgelegt und seitdem nicht mehr umgedacht.
Und wie zufällig war der Übergang beider zum Barfußleben? So wie ich es verstehe, hat sich Thorsten in seiner wilden Jugend für das Barfußlaufen überhaupt nicht interessiert. Punks, zu denen sich Thorsten damals bekannt und deren Idealen der Freiheit, die menschliche Individualität zum Ausdruck zu bringen, bis jetzt treu bleibt und sich scharf gegen den Vorwurf ihrer Asozialität wehrt, gehen kaum barfuß. Das ist typisch eher für Hippies. Doch der Höhepunkt der Hippie-Popularität in den 80er Jahren, als Thorsten ein rebellischer Teenager war, ist bereits vorbei.
Also ja, ich glaube, dass der Bericht von Sabrina Fox, den Thorsten zufällig im Radio hörte und deren Buch er später in einem Buchladen gefunden und gekauft hat, für ihn der Ausgangspunkt war, seine Gewohnheiten komplett zu ändern. Bei Katinka ist die Sache nicht so eindeutig. Schließlich ist sie in ihrer Kindheit und Jugend viel barfuß gelaufen. In ihrer Familie (beide Eltern waren Lehrer, vernünftige, aufgeschlossene Menschen, frei von Vorurteilen), war es nicht ungewöhnlich, zu Hause barfuß zu laufen, und ihr Vater zeichnete sich dadurch mehr aus als ihre Mutter. Katinka, das einzige Kind in der Familie, hat diese Gewohnheiten geerbt, doch ebenso wie ihre Eltern beachtete sie auch die Konventionen, die es einem Mädchen zwar erlauben, zu Hause ganz ohne Hausschuhe auszukommen (für einen Jungen ist dies etwas weniger üblich, denn ein Mädchen ist aufgrund der in der Gesellschaft verwurzelten Ansichten, die nicht richtig sein müssen, ein häusliches Wesen, und einem Jungen, wenn er groß wird und in die weite Welt hinausgeht, kaufte man selbst in den ärmsten Familien Stiefel, wie dem Kater im Märchen), zwingen sie aber, die Schuhe anzuziehen, wenn sie nach draußen geht. Katinka hatte nie Hausschuhe, aber sie kann sich nicht erinnern, jemals barfuß in den Laden usw. gegangen zu sein, ganz zu schweigen von der Schule. Katinka war ein gehorsames Mädchen und stellte keine unnötigen Fragen.
Diese Fragen wurden für sie und viele, viele andere von Sabrina Fox gestellt, als wäre sie deren Anwältin. Und mit der ganzen Kraft ihres journalistischen und schriftstellerischen Talents hat sie unwiderlegbar bewiesen: Ja, man kann immer und überall barfuß laufen, wenn es sein muss, wenn man es will. Und Katinka wollte es immer vage, aber ohne Nervosität, ohne Leidenschaft, wie es vielen Barfußläufern passiert, die ihre psychischen Probleme, die auf einer ganz anderen Ebene liegen, durch Barfußlaufen kompensieren. Sabrina Fox bietet vielen, vielen Menschen, die gerne barfuß gehen würden, aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen darauf verzichten müssen, die nötige geistige Unterstützung, die sie brauchten. Und Katinka glaubte ihr sofort und bedingungslos.
Eine sehr gebildete, intelligente Frau, fast mit Doktortitel, muss Katinka in der Lage sein, komplizierte philosophische Ideen in knappen Worten zusammenfassen. Und so tut sie ja mit der ganzen Philosophie des Barfußlaufens: „Warum nicht?“ Knapper geht nicht. Diesen Satz sagte sie, als sie zum ersten Mal von Sabrina Fox hörte. Und wie diese trat sie ein Mal für alle Mal aus ihren Schuhen und kehrte seitdem zu ihnen nur zu besonderen Anlässen zurück.
Ist es schwer, einen Irokesenschnitt zu tragen und ständig die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Wahrscheinlich nicht schwieriger, als barfuß zu laufen. Jeder von uns weiß: Manchmal ist es ja schwierig. Doch die „Irokesen“ haben es etwas leichter, denn Leute schauen zuerst auf die Frisur und erst dann auf die Füße. Und wenn sie schon so eine Frisur akzeptieren, dann akzeptieren sie auch irgendwie nackte Füße, schließlich ist der Kopf ein wichtigerer Körperteil. In mancher Hinsicht hat es Thorsten also etwas leichter als der Rest von uns. Und auch darum, weil er Katinka hat.
Und für Katinka ist es auch einfacher, weil sie Thorsten hat (auch wenn er nicht buchstäblich in der Nähe ist). Schließlich machen sie alles zusammen. So wie auf den angehängten hier Fotos hielten sie Händen und er umarmte sie ab und zu zärtlich, als sie zur Eröffnung des Museums pünktlich kamen und Katinka zwanzig Minuten lang bei +7 Grad auf kaltem Pflaster in einer langen Schlange stehen musste (wegen Sicherheitsvorschriften, die erst nach 7. Oktober 2023 eingeführt wurden), ich sah das alles durch das Fenster. Es war definitiv keine Show, es war nicht für die Kamera, es war ihr Leben, so leben sie wirklich seit 22 Jahren. Und in den letzten sieben unter diesen zweiundzwanzig Jahren barfuß.



Katinka - fast ständig. Thorsten – wenn er wollte. In letzter Zeit hat er nicht mehr so oft Lust dazu und dann trägt Thorsten gerne Barfußschuhe. Sie beide fahren Auto und Fahrrad in Schuhen. Dabei handelt es sich um eine rein pragmatische Entscheidung, die auf einer subjektiven Einschätzung der eigenen Fähigkeiten basiert und keinerlei Kritik unterliegt, auch wenn jemand aufgrund seiner Erfahrung das Gegenteil behauptet. Katinka zieht ihre Schuhe an, wenn sie sich ans Steuer setzt, genau wie ein professioneller Rennfahrer Handschuhe anzieht. Einige meiner barfüßigen Freunde gehen barfuß zur Arbeit und ziehen gleich Schuhe an, wenn sie dort eintreffen, weil ihre Chefs das verlangen. Katinka macht genau das Gegenteil: Wenn sie zur Arbeit kommt, zieht sie als Erstes, noch im Auto, ihre Schuhe aus, alle haben dafür Verständnis.
Keiner weiß besser als wir, die Barfüßler, dass Menschen vor etwas Ungewöhnlichen, nicht Üblichen automatisch Angst bekommen und deshalb den Barfüßern manchmal ablehnend und sogar aggressiv gegenüberstehen. Ich habe Katinka und Thorsten nicht dazu gedrängt, näher auf die Fälle einzugehen, in denen ihnen der Zutritt zu Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen verwehrt wurde. Welchen Sinn hat es, all diese Negativität zu schüren? Schließlich hat unser Museum mich nicht enttäuscht. Keinem meiner Kollegen ist eingefallen, meine barfüßigen Freunde zu diskriminieren.
Nun erzählte ich Thorsten, dass ich, als ich die beiden durch das Fenster sah, meiner beruflichen Pflicht folgend, eine Zeitlang die mögliche Gefahr abschätzte, die von diesem Mann ausgehen könnte, mich aber schnell beruhigte, als ich neben ihm eine völlig konventionell gekleidete Frau sah. Und das bin ich, der in seiner Freizeit selbst fast täglich als Quelle solcher Missverständnisse dient! All dies verging auf rein emotionaler Ebene während wenigen Sekunden. Als ich meine Fähigkeit zum logischen Denken wiedererlangt hatte, hörte ich natürlich einfach auf, auf die ungewöhnliche Frisur des Mannes zu achten, denn ich bin davon überzeugt und bereit, auch andere davon zu überzeugen, dass sie nichts mit der Frage der Sicherheit zu tun hat.
Der Gedanke „Ist sie wirklich barfuß?“ kam etwas später, weil man aus dieser Entfernung nicht genau erkennen kann, was man da unten hat, nackte Füße mit einem Tattoo oder weiße Schuhe mit einem Muster, und dieser Gedanke, aus anderen Gründen, die nichts mit meinen beruflichen Pflichten zu tun haben, ließ mich nicht los, bis ich die beiden im Rothschild-Palast sah und meine Zweifel endgültig ausgeräumt waren. Und das waren Thorstens Barfußschuhe, die mich endgültig überzeugt haben, dass ich mit echten Barfüßern zu tun habe, denn der Kauf solcher Schuhe ist ein Prozess, der Zeit braucht und nicht das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Umständen oder einer momentanen Laune ist.
Schon während der vorläufigen Korrespondenz habe ich die Tattoo auf Katinkas rechtem Fuß angesprochen. Für mich war dies ein Beweis ihrer Entschlossenheit, auf ein barfüßiges Leben umzusteigen und sich von ihrer Vergangenheit als Schuhträgerin zu verabschieden. Ich hatte damals aber Thorstens Füße noch nicht gesehen. Und als Thorsten mir das entsprechende Foto schickte, begann ich alles zu verstehen. Es ist so etwas wie ein Zeichen am Körper, das die Standhaftigkeit ihrer Ehe viel stärker bezeugt als die Eheringe, die man leicht abnehmen und wieder anlegen könnte, was mit den Tattoos natürlich nicht geht. Wirklich eine hervorragende Idee!



Und nun, an einem Tisch in einem Café in der Kaiserstraße, die vom Bahnhof direkt zur Burg führt und die sogar an den russischen Kaiser Alexander erinnert, der nach Deutschland kam, um seine gekrönten Verwandten zu besuchen, und die anscheinend sogar nach ihm benannt ist, stellte ich Katinka und Thorsten die Frage, die mich sehr interessierte: Ziehen sie gerne die Aufmerksamkeit auf sich? Katinka – auf keinen Fall, sie hat sogar in ihrem Fragebogen davon geschrieben. Sie mag es definitiv nicht, angestarrt zu werden. Und wenn man sie filmt, ist es ihr, möchte ich hinzufügen, auch nicht sehr angenehm. Sie muss es manchmal ertragen, empfindet dabei jedoch keine große Freude. Deshalb habe ich sie geschont und die Kamera nicht so oft eingesetzt, mich auf das absolut notwendige Minimum beschränkt. Thorsten scheint es egal zu sein, ob er gefilmt wird oder nicht. Aber Katinka ist da nicht gleichgültig. Trotzdem durfte ich sie fotografieren. Dies bedeutet, dass für Katinka die positiven Gefühle, die sie durch das Barfußlaufen verspürt, so stark sind, dass sie die negativen Gefühle überwiegen, die durch die unvermeidliche Aufmerksamkeit anderer entstehen.
Dabei läuft Katinka generell mehr barfuß als Thorsten. Und sie trägt im Gegensatz zu ihrem Mann so gut wie keine Barfußschuhe und falls sie welche kauft, dann sind es auf keinen Fall diese Modelle, bei denen jeder Zeh abgesondert ist. Thorsten mag Barfußschuhe, für Katinka sind sie jedoch ein notwendiges Übel, wenn aus Anstandsgründen Schuhe getragen werden müssen.
Wie zum Beispiel der bevorstehende Abiball des zweiten Kindes (des ältesten im Moment unter den Geschwistern, die mit den Eltern wohnen). Der Sohn hat seine Eltern gebeten, nicht barfuß zum Abschlussball zu kommen, wo alle in klassischer Kleidung wären. Also haben Thorsten und Katinka beschlossen, dem jungen Mann die Feier nicht zu verderben. Und zu diesem Anlass beschloss Katinka sogar, ihre Vorurteile gegenüber Barfußschuhen zu überwinden und sich ein Paar zuzulegen. Natürlich ohne abgesonderte Zehen. Einfach niedliche weiche Schuhe ohne Absatz, die ein Laie noch nicht einmal als Barfußschuhe bezeichnen würde.
Zu welchem Opfer wäre eine Mutter nicht bereit, damit es ihrem Kind gut geht? In Klammern sei angemerkt, dass, während mich die Abneigung gegen Barfußschuhe mit Katinka verbindet, ist Thorsten mir in einer anderen Frage gleichgesinnt. Ob ihr es glaubt oder nicht, er, ein IT-Fachmann von Beruf, nicht so gerne ein Smartphone als Computer verwendet und zieht ihm immer einen echten Computer vor. Und obwohl Kinder heute mit einem Smartphone in der Hand geboren werden, sind wir, die im 20. Jahrhundert geborenen und aufgewachsenen, auch etwas wert sind, und ab jetzt werde ich mich für meine Neigung zu alten Technologien nicht mehr schämen.
Als Thorsten an der Reihe war, meine Frage zu beantworten, ob er gern auffällt, hat er sie ein wenig umformuliert: Er ist gern er selbst, das ist alles! Er denkt einfach nicht über die Reaktion anderer nach. Wenn sich jemand an seinem ungewöhnlichen Aussehen gestört fühlt, dann ist das nicht sein Problem, sondern das Problem von diesen Leuten. Sehr wichtige Worte, die viel erklären!
Nun übergebe ich das Wort an Thorsten und Katinka selbst und stelle ihre schriftlichen Antworten auf die Fragen meines Fragebogens vollständig vor. Ich weiß nicht, ob sie sich nach dieser Veröffentlichung für das Forum anmelden werden, was ich mir sehr wünsche. Vielleicht nicht, denn bisher hatten sie dafür kein Bedürfnis. Schließlich haben sie einander und sind keineswegs sozial isoliert. Ich konnte mit Vergnügen zusehen, wie freundlich sie barfuß in einem örtlichen Café behandelt wurden. Und ich bin sicher, dass diese netten Menschen fast überall, wo sie auftauchen, mindestens in Deutschland, genauso freundlich behandelt werden. Thorsten und Katinka gaben mir Hoffnung, dass dieses Treffen nicht unser letztes sein würde.

Gerne werde ich eure Fragen, falls welche auftauchen, an sie weiterleiten und die Antworten hier veröffentlichen.

1. Ein paar Worte zu eurer Personen: Wo wohnt ihr und was macht ihr beruflich?
Katinka: Ich wohne in Friedberg in der Wetterau. Ich bin Hausfrau und Dozentin für Englisch und LRS (Lese-Rechtschreibschwäche) – Förderung.
Thorsten: Ich wohne in Friedberg in der Wetterau. Ich bin IT Security Specialist.

2. Könnt ihr euch Barfüßer 24/7 nennen oder zieht ihr eure Schuhe nur bei sehr warmem Wetter aus?
Katinka: Ich nenne mich Barfußläuferin und gehe barfuß, wann immer es möglich ist und ich mich danach fühle.
Thorsten: Auch ich nenne mich Barfußläufer. Ich gehe weniger barfuß als meine Frau, doch immer dann, wenn es sich für mich „richtig“ anfühlt.

3. Hält euch eure Arbeit nicht davon ab, barfuß zu laufen? Oder geht ihr nur außerhalb der Arbeit barfuß?
Katinka: Ich bin bei der Arbeit immer barfuß.
Thorsten: Da ich ausschließlich von zuhause arbeite, bin ich immer Barfuß.

4. Könnt ihr barfuß durch die Stadt laufen? Habt ihr keine Angst vor schädlichen Mikroorganismen auf der schmutzigen Straße?
Katinka: Ich laufe sehr oft barfuß durch die Stadt und habe keine Angst vor Schmutz oder Keimen. Alles abwaschbar =)
Thorsten: Kein Problem für mich. Auch ich sage „alles abwaschbar“.

5. Besucht ihr barfuß z. B. Cafés oder Einkaufszentren? Ist es in eurer Stadt (eurem Land) verboten, in solchen Einrichtungen barfuß zu gehen? Wurde von euch irgendwann verlangt, Schuhe zu tragen?
Katinka: Ich gehe überallhin barfuß – Cafes, Restaurants, Arztpraxen, Einkaufszentren, Museen, … Es ist nicht verboten. Trotzdem wurde es schon ein paar Mal von mir verlangt. In einem Hotelrestaurant habe ich auf Bitten des Personals Schuhe angezogen, in einem Museum habe ich mich geweigert, da ich keinen Grund sah und es nicht in der Hausordnung stand.
In Frankreich gibt es meiner Erfahrung nach weniger Akzeptanz für Barfußläufer. In einem Ozeanarium und einem Museum musste ich Schuhe anziehen, sonst hätte ich gehen müssen.
Thorsten: Wie schon gesagt...wenn es sich für mich richtig anfühlt, dann gehe ich barfuß...egal wo. Jedoch...beim Autofahren trage ich Barfußschuhe und auch beim Radfahren. Das hat allerdings einen sicherheitstechnischen Hintergrund. Beim Radfahren ist es definitiv sicherer und beim Autofahren sagt das zumindest die Versicherung.
Wie meine Frau schon schreibt wurden wir an verschiedenen Orten schon aufgefordert Schuhe zu tragen.

6. Wenn ihr barfuß öffentliche Plätze besucht, ist es euch nicht peinlich, dass man euch zuschaut?
Katinka: Nein, es ist mir nicht peinlich. Ich fühle mich barfuß sehr wohl. Aber die Aufmerksamkeit stört mich, und dass ich ständig angestarrt werde.
Andererseits ergeben sich dadurch auch viele interessante Gespräche und ich freue mich, wenn Menschen Interesse am Barfußlaufen äußern.
Thorsten: Peinlich ist mir das gar nicht. Ich amüsiere mich eher darüber wie pikiert die Leute manchmal schauen. Da ich mit meiner Frisur (ich trage meinen Iro schon seit über 14 Jahren) und im Sommer manchmal auch mit einem Wickelrock eh auffalle sind unbeschuhte Füße kein Problem mehr ;)

7. Was für angenehme Gefühle gibt euch das Barfußlaufen?
Katinka: Freiheit für mich und meine Füße. Ich genieße den direkten Kontakt zum Boden, die unterschiedlichen Temperaturen und Bodenbeschaffenheiten spüren zu können. Wenn ich barfuß laufe, bin ich aufmerksamer, fokussierter und mehr bei mir selbst. Lieblingsmoment: barfuß durch eine Pfütze zu springen oder die Zehen im Sand zu vergraben.
Thorsten: Ja...Freiheit...es fühlt sich einfach richtig an. Für mich war es aber auch die letzte Chance, aus einem Dauerschmerz heraus zu kommen. Ich hatte über 2 Jahre entzündete, stark schmerzende Achillessehnen. Als ich einen Bericht über Sabrina Fox im Radio hörte (eine Reporterin, die ein Buch über das Barfußlaufen geschrieben hat) habe ich einfach meine Schuhe ausgezogen...ich hatte nichts zu verlieren. Das war vor ca. 7 Jahren. Meine Füße sind wieder gesund, ich habe sogar meine Knick-, Spreiz- und Senkfüße verloren und ein absolut gesundes Fußbett wieder. Das gibt mir durchaus auch ein angenehmes Gefühl.

8. Würdet ihr sagen, dass zu den angenehmen Empfindungen von nackten Füßen auch erotische (sexuelle) Gefühle gehören?
Katinka: Nein, gar nicht.
Thorsten: Nein...definitiv nicht.

9. Haltet ihr den weiblichen (männlichen) Fuß für ein erotisch unabhängiges Objekt, das ästhetisch bewundernswert ist?
Katinka: Nein. Ich finde Füße schön, aber nicht im erotischen Sinn.
Thorsten: Für mich sind Füße einfach Füße.

10. Gibt es unter euren Bekannten Leute, die genauso oft barfuß laufen?
Katinka: Nein. Aber viele, die mir nach Barfußgesprächen berichten, dass sie jetzt öfter barfuß laufen als vorher.
Thorsten: Nein.

11. Hast du eine Freundin (Freund), die (der) auch oft barfuß mit dir geht?
Katinka: Ja, mein Mann =)
Thorsten: Ja...meine Frau :)

12. Inwiefern teilt eure Neigung, barfuß zu gehen, eure Familie?
Katinka & Thorsten: Zuhause laufen wir alle barfuß. Außerhalb hauptsächlich wir beide. Unser jüngster Sohn (10) läuft auch regelmäßig barfuß, die anderen Kinder sehr selten bis gar nicht.

13. Wie werden barfüßige Menschen in eurer Stadt (Land) behandelt? Gibt es keine negative Einstellung zu ihnen?
Katinka: Barfußläufer werden wie alle anderen behandelt. Aber manche Menschen reagieren negativ bzw. ablehnend. Die meisten sind allerdings eher besorgt oder einfach neugierig.
Thorsten: Barfußläufer werden schon manchmal komisch angeschaut. In einem Schuhgeschäft hat mal ein kleines Kind zu mir gesagt „Iieeh...Stinkefüße“... Viele denken so, wenn sie jemanden barfuß sehen.
Tatsächlich habe ich aber sehr viel weniger Barfußgespräche als meine Frau. Und wenn dann doch öfter eher negativ. Mich hat in einem Supermarkt auch schon ein älterer Mann angeraunzt, ob ich mir und meinem Sohn keine Schuhe kaufen könnte.

14. Glaubt ihr, dass die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit barfuß zu gehen und dabei seine Individualität zu zeigen, eines der Merkmale der Demokratie ist?
Katinka: Ja!!!
Thorsten: Weiß nicht, ob es ein Merkmal der Demokratie ist. In Russland gibt es viele Barfußläufer, und Russland ist sicher keine Demokratie.

15. Was ist in eurer Stadt der beliebteste Ort zum Barfußlaufen?
Katinka: Es gibt keinen.
Thorsten: Dito :)



Lebenskünstler findet das Top
zuletzt bearbeitet 14.07.2025 18:26 | nach oben

#2

RE: Thorsten und Katinka. Romantische Geschichte

in Barfuß und Leben 13.07.2025 09:58
von Lebenskünstler • Admin | 1.428 Beiträge | 1551 Punkte

Ganz lieben Dank für diesen erfrischend lebendigen Bericht.
Thorsten und Katinka sind Menschen wie du und ich, mit einem Lebenslauf wo sich wohl die Eine, oder der Andere wiederfindet.

Diese Antwort von Katinka spricht für sich:

Zitat von Zalesski im Beitrag #1
Und so tut sie ja mit der ganzen Philosophie des Barfußlaufens: „Warum nicht?“


Ja, warum nicht barfuss sein? In früheren Jahren wurde ich auch oft gefragt, warum ich barfuss bin. Meine Antwort „warum nicht...?“ – oder – „warum hast du Schuhe an...“

Mir gefällt auch, dass dieses offensichtlich sehr glückliche Paar barfuss nicht als Glaubensfrage betrachtet, sondern je nach Situation und persönlichem Wohlfühlempfinden handelt. Und auch auf die Gefühle anderer Rücksicht nimmt, wie im Fall des Abiballes des Sohnes, der bat, doch in Schuhen zu kommen.

Zitat von Zalesski im Beitrag #1
Diesen Satz sagte sie, als sie zum ersten Mal von Sabrina Fox hörte.


Über Sabrina Fox habe ich schon einiges gelesen, sie scheint relativ spät mit barfuss laufen angefangen zu haben. Ihre Lebensgeschichte zumindest wirkt sehr interessant.

Sag mal, Dmytro, hast du Sabrina mal persönlich getroffen? Irgendwie glaube ich mich daran zu erinnern dass du das mal schriebst?
So wie ich Sabrina einschätze, wird sie bestimmt nichts dagegen haben, wenn du von deinen Eindrücken berichtest.

Auf mich wirkt sie durch das was ich bisher über sie weiß sehr sympathisch.




Grüßle vom Lebenskünstler
Zalesski hat sich bedankt!
nach oben

#3

RE: Thorsten und Katinka. Romantische Geschichte

in Barfuß und Leben 14.07.2025 17:43
von Zalesski | 27 Beiträge | 527 Punkte

Ja, das stimmt, ich habe es am 29. November 2016 geschafft, die letzte öffentliche Vorlesung von Sabrina Fox zu besuchen, die ganz zufällig in Frankfurt stattfand! Dass es die letzte war und dass Sabrina in absehbarer Zeit nicht vorhatte, woanders irgendwohin aufzutreten, haben wir schon in der Vorlesung erfahren. Das Thema war überhaupt nicht Barfußlaufen. Ich glaube nicht, dass es möglich wäre, genügend Publikum für dieses Thema in Frankfurt zu gewinnen. Das Thema der Vorlesung war etwas, was absolut jeden interessiert. Sabrina Fox sprach über die Liebe, oder besser gesagt: darüber, was passiert, wenn die Liebe vergeht, und stützte sich dabei auf ihre jahrelange Erfahrung als Frau, die vier Ehen hinter sich hat, als Mutter, als Schriftstellerin und als Fernsehmoderatorin. „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns besser kennen“ lautete der Titel ihres neuen Buches, das man dort erwerben konnte, und wer dieses Buch schon besaß, konnte eine Widmung von der Autorin erhalten. Ich bin mir sicher, dass es genauso interessant ist wie „Auf freiem Fuß“, das vor vier Jahren erschien und das ich natürlich von Anfang bis Ende gelesen habe und viele Auszüge davon ins Russische übersetzt und im Forum veröffentlicht habe. Ich hatte ein wenig Angst, ich müsste mir irgendwelchen spiritualistischen Quatsch anhören. Ich habe zum Beispiel gehört, dass Sabrina Fox in ihrem ersten Buch ernsthaft versucht hat, die Existenz von Engeln zu beweisen. Aber zum Glück war jetzt alles im Rahmen des gesunden Menschenverstands. Es gab auch keine Moralpredigten, in die man bei einem so sensiblen Thema leicht verfallen könnte. Ich wurde in dieser Maßnahme mit neuen Ideen bereichert, was ich überhaupt nicht erwartet hatte, denn mein Ziel war völlig anders.

Ich habe damals für eine russischsprachige Barfuß-Website geschrieben. Mein Ziel war, Sabrina zu zeigen, dass wir Gleichgesinnte sind und dass wir miteinander kooperieren können. Dies ist auch geschehen und es waren hierfür keine besonderen Anstrengungen erforderlich. Sabrina gab mir auch sofort die Erlaubnis zum Fotografieren und hat gerne für mich posiert. Sie legte meine Visitenkarte an eine gut sichtbare Stelle, damit sie meinen Namen bei Bedarf richtig vorlesen konnte, und las tatsächlich deutlich „Dmytro“, als ich sie während einer Pause mit der Bitte um das Signieren ihres Buches ansprach. Sie versprach, sich unsere Website anzusehen, und ich hatte das Gefühl, dass sie ihr Versprechen halten würde.

Und auf dem Buch schrieb sie, wie ihr sehen könnt: „Von Barfußgängerin zu Barfußgänger, alles Liebe. Sabrina Fox.“ Da unser Treffen nicht geplant war, wollte ich Frau Fox nicht mit zu viel Fragen zu belasten, und stellte ihr nur eine einzige Frage: „Woher hast du dieses russische rollende ‚r‘?“ „Das war schon immer so“, antwortete Sabrina ernst. Doch eine Sekunde später fand sie eine andere, witzigere Antwort: „Ich schätze, ich war in meinem früheren Leben Russin.“

Trotz ihres großen Erfolgs als Bestsellerautorin ist Sabrina Fox ein einfacher, warmherziger Mensch. Und sie besitzt eine wertvolle und meiner Erfahrung nach seltene Eigenschaft – eine ironische Einstellung zu sich selbst. Sie ist sich ihres merkwürdigen Verhaltens völlig bewusst und hat keine Angst, darüber zu sprechen. Um ihre Seltsamkeit zu beweisen, erzählte sie von ihrem ersten Treffen mit einem Verleger, der ihr viel bedeutete, und spielte diese Szene sogar nach, wobei sie einen der Zuschauer bat, ihr zu helfen. Sie stellte kunstvoll dar, wie sie ihm, einem Fremden, obwohl er schon lange mit ihr korrespondierte, nicht die Hand anbot, sondern sich dem verblüfften Geschäftsmann um den Hals warf und mehrere Minuten in dieser Position verharrte. Und nun hat sie diese paar Minuten unter dem Gelächter des Publikums eingehalten.

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass ich in den ersten Sekunden unseres Treffens ein Foto mit Sabrina Fox bekommen könnte. Aber sobald ich diesen Wunsch geäußert habe, zack! - sie steht neben mir und umarmt mich an den Schultern. Was könnte ich sonst tun? Ich umarmte sie auch um die Taille und spürte die Wärme ihres Körpers. Ich war im siebten Himmel und fühlte mich, als würde ich mit einem Engel fotografiert!


Mit diesem Beitrag wurden folgende Inhalte verknüpft
11
12
13



Lebenskünstler findet das Top
nach oben

#4

RE: Thorsten und Katinka. Romantische Geschichte

in Barfuß und Leben 15.07.2025 06:26
von André Uhres • Admin | 2.371 Beiträge | 1204 Punkte

Mir war das Thema Thorsten und Katinka komplett entgangen, ein Glück, dass hier nachgekakt wurde! 👍
Alles Liebe
André



nach oben

#5

RE: Thorsten und Katinka. Eine romantische Geschichte

in Barfuß und Leben 15.07.2025 08:08
von André Uhres • Admin | 2.371 Beiträge | 1204 Punkte

Zitat von Zalesski im Beitrag #1
komplizierte philosophische Ideen in knappen Worten zusammenfassen. Und so tut sie ja mit der ganzen Philosophie des Barfußlaufens: „Warum nicht?“


So ein Zufall, weil mich neulich ein kleines Kind fragte: "Warum bist du barfuß?", und ich antwortete ihm: "Warum nicht?" !

Gemäß dem, was ich jetzt hier las, scheint das zwar eine Standardantwort zu sein, aber so weit ich mich erinnern kann, hatte ich vorher noch nie so geantwortet. Ich wählte diese Kurzform nur, weil ich mich aus gewissen Gründen nicht lange damit aufhalten wollte. Dennoch kannte ich die hier vorliegenden Ausführungen zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Alles Liebe
André



Zalesski findet das Top
nach oben

Wir brauchen Deine Hilfe!

Hallo !

Wir hoffen, dass dir unser Forum gefällt und du dich hier genauso wohlfühlst wie wir.

Wenn du uns bei der Erhaltung des Forums unterstützen möchtest, kannst du mit Hilfe einer kleinen Spende dazu beitragen, den weiteren Betrieb zu finanzieren.

Deine Spende hilft!

Spendenziel: 84€
60%
 



Besucher
0 Mitglieder und 7 Gäste sind Online

Besucherzähler
Heute waren 1190 Gäste und 4 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 4208 Themen und 26528 Beiträge.

Heute waren 4 Mitglieder Online:


Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen