Hobby-Barfuß-Renaissance-Forum

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#1

Barfuß im Großraum Lugano

in Barfuß und Leben 30.09.2025 14:28
von Michael aus Zofingen | 894 Beiträge | 688 Punkte

Hallo,

am Montag, den 29.9.2025 sollte es speziell in der Südschweiz sonnig werden. Diesmal wollte ich mit Schiffen auf dem Luganer See fahren, nachdem ich am Vortag auf dem Langensee rumgeschippert war, wenn auch dank eines wichtigtuerbemützten Schiffsbonzen nicht im gewünschten Umfang. Ich radelte barfuß im Dunkeln bei Hochnebel und 10°C in Richtung Zofinger Bahnhof, um einen Interregio um 7:03 Uhr Richtung Olten zu bekommen. Nach 10 minütigem Warten hatte ich Anschluß an einen vollen Intercity Richtung Zürich. Hier wechselte ich barfuß in einen recht vollen Kupferzug nach Locarno. Diesen verließ ich jedoch schon in Arth-Goldau. bei einem späteren Umsteigen mit Fahrt über die Gotthard-Bergstrecke hätte ich mein Schiff verpaßt. Nun kam ich vom Regen in die Traufe. Im Intercity nach Lugano gab es nur noch Stehplätze, ich mußte mir die nackten Füße plattstehen (und aufpassen, daß fett beschuhte Zeitgenossen den Plattstehprozeß nicht noch auf schmerzhafte Weise beschleunigten). Jenseits des Gotthard-Basistunnels war der Himmel blau und ohne Nebelfelder. Ich fuhr bis zum Bahnhof Lugano. Im Gedränge (viele waren mit Koffern unterwegs) kämpfte ich mich bis zur Standseilbahn durch, die mich runter in die Stadt brachte. Langsam begab ich mich durch die Fußgängerzone zum Schiffsanleger, um 10:30 Uhr würde das Schiff fahren.

Beim Anleger waren zwei Schwäne im Wasser. Als ich mich dem Gitter näherte, reckten sie ihre Hälse nach meinen nackten Füßen und versuchten sie zu schnappen. Andere Leute wurden dagegen in Ruhe gelassen. Vermutlich mögen Schwäne kein Leder. Dann kam das Schiff, und ich versuchte an Bord zu gehen. Anders als auf dem Langensee mußte man auf dem Luganer See die Billette vor Betreten des Schiffes vorweisen. Ein bekalkmützter Mitarbeiter sagte zwar auf deutsch: "Serrr geferrrlich!", nachdem er meinen Swisspass gesehen hatte, ließ mich aber an Bord. Die Faahrt führte über Paradiso und zwei weiteren unbedeutenden Anlegeplätzen auf der Schattenseite des Sees nach Gandria und wieder zurück. Das Schiff dampfte nicht etwa oder dieselte, sondern es stromerte über den See. Dank des Elektromotors war es leiser, das typische "Muckebicke-Geräusch" fehlte. Eigentlich wollte ich in Lugano ins Schiff nach Porto Ceresio und zurück nach Lugano fahren. Allerdings war mein Schiff unpünktlich, das andere Schiff hatte nicht gewartet (ein Umstieg in Paradiso hätte das Problem gelöst), also mußte ich umdisponieren.

Ich säckelte zur Bushaltestelle in der Hoffnung, das Schiff bis Paradiso noch einzuholen. Es kam auch bald ein Bus der Linie 1, allerdings sah ich vom Bus das Schiff gerade ablegen. daher blieb ich im Bus sitzen und fuhr zwei Stationen weiter bis zum Bahnhof Paradiso (im Zuge der Modernisierung wurde auch das Bahnhofsschild ersetzt, nun heißt er "Paradiso" statt wie bisher fälschlicherweise "Lugano-Paradiso"). Der nächste Zug Richtung Süden hielt erst in Mendrisio, was mir bei der Schiffsverfolgung nichts nützte. Also wartete ich 15 weitere Minuten und fuhr mit der S-Bahn bis Melide. Ich hatte noch Hoffnung, das Schiff im malerischen Städtchen Mohrcote zu erwischen, wenn ich in Melide Busanschluß hätte. Also begab ich mich zur Bushaltestelle, wo bereits etliche Leute warteten. Eine Mutter mit zwei Kindern wartete dort. Das eine Mädchen sagte auf Schweizerdeutsch, nachdem es meine sommerliche Aufmachung betrachtet hatte: "Der will baden!" "Ja, der will baden!" antwortete die Mutter. Übrigens schienen alle an der Bushaltestelle stehenden Personen aus deutschsprachigen gebieten zu stammen.

Sehr bald kam eine Kraftpost. Als ich Morcote erreichte, sah ich, wie das Schiff Richtung Porto Ceresio ablegte. Ich stieg trotzdem aus, denn nun konnte ich auf die Rückkehr des Schiffes warten. Ich reihte mich in die Schlange ein, möglichst so, daß die Frau, die am Eingang die Karten kontrollierte, meine Füße nicht vorher sah. Mein Swisspass war in Ordnung, also betrat ich die Gangway. Plötzlich fing die Hexe etwas auf italienisch zu schreien, was sich mit größter Wahrscheinlichkeit auf meine nicht vorhandenen Schuhe bezog. Der Steuermann jedoch rief von oben "ok", und ich konnte an Bord. Auch hier war (wie auch schon auf dem Schiff nach Gandria die Mehrheit deutschsprachig).

Das Schiff legte ab, man konnte sehr gut die Kirchen von Morcote und Vico Morcote erkennen. Es hielt zuerst an der Seilbahnhaltestelle von Brusino und dann in Melide, bevor es die Brücke des Seedamms unterquerte.

Als nächstes legte das Schiff in der italienischen Exklave Campione an. Das Stadtbild wird geprägt vom riesigen Kasinogebäude vom Tessiner Architekten Mario Botta. Kunst hin oder her! Auf Entfernung wirkt es wie ein riesiges Getreidesilo. Als einzelnes Gebäude mag es gut sein. Aber in einem historischen Städtchen hat ein solcher Klotz nichts zu suchen. Als ich das erste mal in Campione war, klaffte mitten im Ort ein riesiges Loch. Wie viele historische Gebäude wohl dafür geopfert wurden?

Das Schiff hielt danach noch in Paradiso und Lugano. Barfuß schritt ich vom Anleger durch die volle Innenstadt zur Talstation der Seilbahn. Ich zwängte mich noch hinein und fuhr hoch zum Bahnhof. Die nächste S-Bahn brachte mich über Mendrisio nach Chiasso. Südlich von Mendrisio war ich bisher noch nie mit Offtopic-Fahrzeugen gewesen. Auch diesmal uhr ich gleich wieder zurück nach Lugano, diesmal mit einem Regioexpreß, der nur in Mendrisio und Paradiso hielt. Nun wechselte ich in die Ponte-Tresa-Bahn. Mit diesem Tram fuhr ich nach Ponte Tresa und wieder zurück. In Zukunft wird man Wohl unterirdisch in Lugano abfahren. In Lugano verließ ich das "Tram" und säckelte barfuß über eine Brücke zum Bahnsteig der S-Bahn Richtung Norden. Ich fuhr damit nur bis Bellinzona. Hier wechselte ich in eine Kraftpost via San Bernadino und Thusis nach Chur. Während es im Tessin bis zu 21°C warm und sonnig war, nahmen nördlich der Alpen die Wolken ein wenig zu. Auch war die Kleidung der zusteigenden Fahrgäste deutlich winterlicher.

In Chur hatte ich Anschluß an einen Intercity nach Zürich, der nur in Landquart und Sargans hielt. In Zürich mußte ich barfuß in der Haupthalle zum anderen Bahnsteig gehen. Dort erreichte ich einen Intercity nach Lausanne, womit dem ich bis Olten fuhr. Mit einem Regioexpreß traf ich um 22:12 Uhr in Zofingen ein, bei wolkenlosem Wetter radelte ich barfuß nach Hause.

Meine 47. Barfußreise mit dem Generalabo war beendet. Ich habe generell den Eindruck, daß in nichtdeutschsprachigen Teilen der Schweiz Schiffsbesatzungen kritischer gegenüber barfüßigen Personen sind. Ebenso sind katholische Gegenden kritischer fremden Kleidungstilen als evangelische. Auch dort, wo rechtspolitische Menschen die Mehrheit bilden, kriegt man häufiger Ärger wegen unpassender Kleidung, jedoch auch wegen "falscher" Hautfarbe, sexueller Ausrichtung, Herkunftsland, Ernährungsweise usw.

Schöne Grüße
Michael aus Zofingen


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#2

RE: Barfuß im Großraum Lugano

in Barfuß und Leben 28.10.2025 21:50
von Leo | 752 Beiträge | 507 Punkte

2017 und 2018 gab es wegen barfuß gar keine Diskussionen, heuer schon: Sowohl in Locarno (Rundfahrten Schweizer Becken des Langensees / Lago Maggiore) als auch in Lugano (herbstlich verkürzte West-Rundfahrten auf dem Luganer See nur bis Porto Ceresio statt Ponte Tresa im Sommer) meckerte das Kontroll-Personal. Ich ging dann gleich auf Italienisch in die Offensive: "Wir sind es gewohnt und übernehmen die volle Verantwortung!" In Locarno reichte das, in Lugano musste es der Kapitän entscheiden, der die Diskussion mitbekommen hatte und eher gelangweilt mit einer lässigen Handbewegung sein OK gab.

Auf dem Vierwaldtätter See (Flüelen-Vitznau) gab es dagegen wie früher erst gar keine Diskussionen. Auch im Juni oder Juli in Basel nicht (nach Rheinfelden und zurück, nicht mehr im GA, aber 50% Rabatt, wenn man in Basel übernachtet).

Ebenso nicht auf dem Thuner See oder Brienzer See.

Grüße / Gruesse

Leo



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