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Eine vorweihnachtliche Geschichte mit einer Dummen und einem Klugen
Eine vorweihnachtliche Geschichte mit einer Dummen und einem Klugen
in Barfuß und Leben 24.12.2025 17:14von Zalesski •
| 28 Beiträge | 534 Punkte
Dummheit ist eine riesige Kraft. Ein dummer Mensch, selbst wenn er nur über geringe Macht verfügt, ist unbesiegbar, denn er lässt sich durch Logik nicht beeinflussen; er ist schlichtweg von nichts zu überzeugen. Und wenn Gewalt ausgeschlossen ist, was in einer zivilisierten Gesellschaft der Fall ist, wird er höchstwahrscheinlich sein Ziel erreichen. In wenigen Sekunden gelingt es ihm, den Spaß zu verderben, die Ergebnisse jemands langer intellektueller und moralischer Arbeit zu entwerten, einen zu zwingen, seine Pläne zu ändern, und sein Leben zu verkomplizieren.
Ich bin dieser Dummheit bei dem Aldi-Supermarkt begegnet, wo ich jeden Montagmorgen einkaufe. Eine hübsche, dunkelhaarige junge Angestellte erklärte in Anwesenheit ihrer Kollegin (die während des Gesprächs kein Wort sagte, daher weiß ich nichts über ihre Meinung), dass Barfußlaufen dort verboten sei. Die Hausordnung verbiete Barfußlaufen, beharrte sie. Dabei ist Montag mein einziger freier Tag ist und ich habe sonst keine Zeit für Barfußspaziergänge, insbesondere seit März letzten Jahres, als ich eine riesige Menge Material aus Israel mitgebracht habe, das so schnell wie möglich bearbeitet und zurückgebracht werden muss, wo es hingehört. Ich habe keine Zeit nicht nur für Einkäufe, sondern auch für Sport (und auch für das Lesen dieses Forums, was mir sehr, sehr peinlich ist), daher sind zwei Kilometer barfuß bei jedem Wetter – abgesehen von der Zeitungsauslieferung am Sonntag – das Einzige, was ich für meine Gesundheit tun kann.![]()
Dieses Foto entstand vor fast acht Jahren, nach einem heftigen Schneefall im Frühjahr 2018. Der Schnee war in der Nähe des Ladens etwas angetaut, aber glaubt mir, ich war die ganze Strecke von zwei Kilometern durch eine echte Schneedecke gelaufen. Und das war noch nicht die größte Herausforderung. Ein heftiger Hagelsturm, der mich mitten auf diesem Weg im April überraschte und mich erheblich ausbremste, da der Untergrund innerhalb von Minuten eisig wurde, hätte mich zur Umkehr gezwungen, wäre ich nicht schon so weit von zu Hause gewesen. Aber alles ging gut aus…
Am 17. Dezember 2025 war es etwas wärmer (um die 6 °C), und außer dem bereits erwähnten Risiko, auf dumme Leute in einer Machtposition zu treffen, bestanden keine weiteren Gefahren. Was hätte ich dieser Dame sagen sollen, worum bitten? Mir die Hausordnung zu zeigen? Mit ihrem Chef sprechen zu lassen? Soweit ich mich erinnere, fragte ich nur: „Warum?“ „Aus hygienischen Gründen“, war die Antwort. „Ich darf nicht mal eine Mütze tragen“, fügte sie hinzu (Ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig gehört habe. Vielleicht sagte sie: „Hier muss ich sogar eine Mütze tragen“. Das wäre logischer, weil Köche normalerweise Mützen tragen, damit keine Haare ins Essen kommen. Aber weder sie noch die anderen Angestellten trugen gerade eine Mütze, deshalb war ich ich ein bisschen irritiert. Wie dem auch sei, es war klar, dass sie sich irgendwie eingeschränkt, benachteiligt fühlt. War sie etwa neidisch auf mich um die Freiheit, barfuss zu laufen, die ich mir genommen habe? Gut möglich. So nach dem Motto: Wenn ich leide, sollen doch auch andere leiden …) „Aber Sie arbeiten hier, und ich bin Kunde“, entgegnete ich, „für Angestellte in einem Lebenmittelgeschäft gibt es eine Kleiderordnung, aber für Kunden gibt es keine und es kann auch keine geben.“ Meine Äußerung hat sie total geschockt. Wahrscheinlich hatte sie so etwas erwartet wie: „Oh, Entschuldigung, mir ist so peinlich, das mache ich nie wieder! Nächstes Mal komme ich unbedingt in Schuhen!“ Mein Versuch, ihr zu widersprechen und meine eigene Meinung zu verteidigen, war für sie also völlig inakzeptabel. Sie hat auf alle Zwischenschritte verzichtet und griff, um den widerspenstigen Kunden zu zäumen, gleich zum ultimativen Mittel: „Ich rufe jetzt die Polizei.“ „Rufen Sie sie doch“, antwortete ich gelassen. Damit war das Gespräch beendet, die Frau verschwand aus meinem Blickfeld, ihre Freundin war schon vorher verschwunden, und ich konzentrierte mich wieder auf die Einkäufe. Ehrlich gesagt war ich aber nicht ganz bei der Sache, denn während ich durch den Laden schlenderte und den Einkaufswagen belud, hörte ich immer wieder die Angestellten miteinander reden: „Barfuß! Barfußmann! Die Polizei wurde gerufen! Die Polizei kommt jetzt, um ihn abzuholen!“ und so weiter, was natürlich absolut nicht stimmte, da wir erstens sehr leise miteinander sprachen und zweitens die Angestellten des Ladens genug zu tun hatten, um sich für den Inhalt des Gesprächs ihrer Kollegin mit einem Kunden zu interessieren, der zwar ungewöhnlich aussah, aber den sie seit vielen Jahren kennen und dulden.
Es ist nicht so, dass ich Angst vor der Polizei hätte; im Gegenteil, meine Erfahrungen mit der deutschen Polizei (ich betone: der deutschen, da ich schon einen kleinen Konflikt mit der amerikanischen Polizei hatte, die das abgesonderte amerikanische Viertel in Frankfurt immer noch bewacht – nicht etwa wegen Barfußlaufens, sondern wegen Zeitungszustellung; alle Missverständnisse wurden jedoch schnell geklärt, als deutsche Beamte auf die Bitte der amerikanischen Kollegen erschienen) waren bisher durchweg positiv. Eines Frühlings stiegen ein Polizist und eine Polizistin aus ihrem Streifenwagen und fragten höflich, warum ich bei der noch recht kalten Jahreszeit barfuß draußen unterwegs sei. Nachdem sie sich meine Erklärung angehört und sich vergewissert hatten, dass ich keine Hilfe benötigte, ließen sie mich gehen und wünschten mir herzlich viel Spaß. Doch jetzt schien die Situation anders zu sein. Natürlich habe ich in einem Rechtsstaat die gleichen bürgerlichen Rechte wie die Angestellten im Geschäft und darf theoretisch mich selbst bei der Polizei über eine widerrechtliche Behandlung ihrerseits beschweren. Aber wer zuerst die Polizei kontaktiert, wem sie zuerst Gehör schenkt, verschafft sich bereits einen gewissen Vorteil. Ich fühlte mich ziemlich unwohl.
Und tatsächlich tauchte bald die Polizei im Laden auf. Auch diesmal waren sie zuzweit, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie sprachen mich nicht gleich an, sondern standen lange abseits (offenbar, um keine Aufmerksamkeit zu erregen oder mich vielleicht nicht in Verlegenheit zu bringen?), während ich mit meinem Einkaufswagen durch den Laden ging. Erst als ich an der Kasse stehen blieb, meldeten sie sich. Sie warteten, bis ich bezahlt hatte, und gaben mir danach Zeit, meine Einkäufe in den Rucksack zu packen und den Einkaufswagen zurückzustellen. Hier, draußen vor dem Laden, im Abstellbereich für Einkaufswagen, fand das Gespräch statt, das ein Barfußläufer früher oder später über sich ergehen lassen muss. Es begann mit dem Klassiker: „Zeigen Sie mir Ihre Ausweispapiere.“ Ich gab ihnen meine Plastikkarte, die die Polizistin mit einer großen Büroklammer an ihrer Ausrüstung befestigt hatte (kann sein, zu meiner Beruhigung, damit ich sie immer im Blick hatte und mir keine Sorgen machen musste, dass der Ausweis mir abgenommen würde). Nachdem meine Identität festgestellt worden war (ich bin mir nicht einmal sicher, ob meine Daten überhaupt irgendwo gespeichert wurden, was ich bei so einer Kleinigkeit richtig finde), kam die erste Frage: „Warum sind Sie barfuß?“ Ich hätte sagen können, dass ich aus gesundheitlichen Gründen so oft wie möglich barfuß laufe und dass ich diese Methode der Abhärtung bewusst gewählt habe, weil sie sich gut mit anderen Aktivitäten, wie zum Beispiel Einkaufen, kombinieren lässt. Das wäre die Wahrheit gewesen. Aber ich sagte etwas anderes: „Ich laufe aus ideologischen Gründen barfuß und gehöre einer Barfußbewegung an. Darf ich das oder?“ Das stimmte nicht ganz, denn so eine Bewegung gibt es nicht. Vielleicht habe ich das gesagt, weil ich mir manchmal sehnlichst wünsche, es gäbe sie… Was die ideologischen Gründe angeht, kenne ich nur drei: Erstens ist Barfußlaufen nicht illegal, zweitens ist es nicht unmoralisch und drittens ist es nicht hässlich. Reicht das denn für eine Ideologie, eine Bewegung? Niemand merkte jedoch, dass ich ein bisschen übertrieb… „Ich gebe zu, mein Verhalten ist ungewöhnlich“, fuhr ich fort. „Ungewöhnliches Verhalten ist jedoch kein Grund für Diskriminierung, und genau das hat das Geschäft nun vor.“ „Natürlich haben Sie das Recht, barfuß herumzulaufen“, bestätigte die Polizei. „Aber ein Geschäft, ein Unternehmen darf seine eigenen Regeln aufstellen und durchsetzen. Wenn beispielsweise jemand in einem Laden rumschreit, kann die Polizei ihn zur Ruhe zu ermahnen beziehungsweise aus dem Laden begleiten.“ Das Geschäft hat das Recht, sagten die Polizisten, mir den Aufenthalt in seinen Räumlichkeiten und das Barfuß-Einkaufen zu untersagen. Wenn ich das nächste Mal barfuß auftauche, wird mir wahscheinlich ein Hausverbot erteilt (ah, also gibt es im Moment kein Verbot, und ich kann noch verhandeln, dachte ich mir zufrieden; eigentlich wäre auch ein Hausverbot in dieser Filiale gar nicht so schlimm, da ich ja in anderen Filialen einkaufen könnte und nie wieder in dieser Filiale auftauchen, egal ob barfuß oder mit Schuhen. Aber was, wenn dieses Verbot für alle Filialen gilt? Das wäre echt übel...), und wenn das nichts bringt, werden sie mich weiter ermahnen, und im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Strafanzeige kommen. Es sei doch ihre Aufgabe, die Aufgabe der Polizei, Verbrechen zu verhindern. Das nahm ich als Ausgangspunkt für meine Gegenrede. Um welche Verbrechen geht es denn hier? Wie könnte ich dem Laden oder anderen Kunden schaden? Welche Gefahr stelle ich dar? Warum ließ man Sie überhaupt, mit mir zu beschäftigen?
Und was die Hausordnung betrifft, gegen die ich angeblich verstoße… „Aufgrund meiner Erfahrung und der Erfahrung von meinen Gleichgesinnten in ähnlichen Situationen“ (ja, ja, genau das habe ich gesagt, und dabei meinte euch, liebe Kollegen), „habe ich Zweifel, dass es solche Regeln gibt. Gäbe es sie, hätte die Mitarbeiterin, die die Polizei rief, sie mir logischerweise zuerst gezeigt – vielleicht hätte das für mich ausgereicht, um mich daran zu halten. Aber mir wurde keine Hausordnung vorgelegt. Höchstwahrscheinlich gibt es also entweder gar keine Hausordnung, oder diese Regel, die die Verkäuferin erwähnte, in ihr fehlt, und sie hat sich darauf berufen, nur um auf mich Druck zu machen. Selbst wenn die meinetwegen schnell so eine entworfen hätten, hätte mich das nicht von deren Richtigkeit überzeugt, sagte ich. Selbst ein privates Unternehmen kann nicht einfach irgendwelche Regeln willkürlich aufstellen. In einem Supermarkt sollen sie beispielsweise dem Schutz der Gesundheit und Sicherheit der Kunden sowie der Erhaltung der Warenqualität dienen. Was hat das mit Barfußlaufen zu tun? Als denkender Mensch habe ich ein Recht auf eine Erklärung, warum Barfußlaufen im Laden verboten ist. Eine solche Erklärung erhielt ich von der Frau, die die Polizei gerufen hatte, nicht. Wenn derjenige, der die Regeln aufstellt, diese nicht begründen kann, begeht er Willkur. Sollten die Angestellten des Ladens ihre Absicht, mir ein Hausverbot zu erteilen, in die Tat umsetzen, hätte ich das Recht, gegen ihr rechtswidriges Handeln vorzugehen (was ich natürlich nicht tun werde, da ich keine Zeit dafür habe; schließlich arbeite ich Vollzeit und engagiere mich in meiner Freizeit ehrenamtlich für ein wissenschaftliches Projekt, so dass mir Zeit nur für das Nötigste übrig bleibt). Und es ist noch ungewiss, wer gewinnen wird. Die Polizisten hörten aufmerksam mir zu und widersprachen nicht. „Was ist Ihrer Meinung nach rechtswidrig an dem Vorgehen der Angestellten?“, fragten sie. Ach, sie fragen mich schon nach meiner Einschätzung, das ist gut. „Ein unberechtigter Eingriff in meine Privatsphäre, eine nicht vertretbare Einschränkung meiner Freiheit“, improvisierte ich, „eine Verletzung des im Grundgesetz verankerten Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.“ Am Ende des Gesprächs nannten sie mich nicht nur „kompetent“ (oder vielleicht doch nur „gut vertraut“?), sondern auch „weise“. Nun, wenn das Weisheit ist, dann habe ich sie aus Foren und Gruppen wie diesem hier geschöpft. Schade nur, dass ich keine Zeit habe, es zu lesen, bis ich meine Mission, das Archiv des großen jiddischen Wörterbuchs zu retten, abgeschlossen habe…
Der Polizist versprach, sich nach der Regelung des Barfußlaufens in der Hausordnung des Ladens zu erkundigen, und die Polizistin, ohne viel zu hoffen, dass ich folgen würde, hat mir einen freundlichen Tipp gegeben, dass ich, um den Ärger zu vermeiden, vor dem Betreten des Geschäfts einfach die Schuhe anziehe. Ich wiederum sagte den Beamten, ich würde überlegen, ob ich ein Gespräch mit der Filialleitung suchen würde mit dem Ziel sie umzustimmen, oder dort nicht mehr einzukaufen. Außerdem habe ich auch eine Vermutung geäußert, dass eine andere Schicht mit einem anderen Teamleiter mich morgen an diese Auseinandersetzung nicht mehr erinnern und meine Barfüßigkeit akzeptieren werden. Die Polizisten nahmen meine Worte gelassen hin. Offenbar waren ihnen diese alle Optionen recht.
Es gibt ja diesen berühmten Spruch: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Und stellt euch vor, ich konnte in voller Übereinstimmung mit der Einschätzung der Polizei am Ende richtig unterscheiden, was ich ändern konnte und was nicht!
Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an alle Aldi-Filialen, wo ich montagvormittags einkaufen kann. Es gab davon in meiner Reichweite nicht wenig, und jede hatte ihre Vorteile. Ich war schon bereit, mich mit dem Gedanken anzufreunden, meinen Stammladen zu wechseln. Aber irgendetwas störte mich. Ich ging in mich und erkannte, dass ich mich schlecht fühlen und mir das nie verzeihen würde, wenn ich nicht mit dem Filialleiter oder Filialleiterin gesprochen hätte. Ich weiß doch bis jetzt nicht einmal seine oder ihre Stellung zu diesem Problem. Heute hatte ich keine Gelegenheit, mit der Filialleitung zu sprechen. Aber vielleicht war einfach keiner von ihnen da, und die übereifrige Verkäuferin hat auf eigene Faust gehandelt, ohne ihre Entscheidungen mit den Vorgesetzten abzustimmen.
Ich war den ganzen nächsten Tag sehr beschäftigt, und am Mittwochmorgen, in meiner Museumsuniform, ging ich vor der Arbeit in diese Filiale. Ich sagte dem ersten Verkäufer, den ich traf, dass ich mit dem Filialleiter sprechen wolle. „Im Moment ist nur der Stellvertreter da“, sagte er und nannte einen typisch türkischen Namen. „Okay, bringen Sie mich zum Stellvertreter.“ „Wozu brauchen Sie ihn?“ „Wegen des Vorfalls vom Montag.“ Okay, keine Fragen. Sie riefen den Stellvertreter zu mir. Ich sagte ihm: „Ich habe gehört, dass ich in dieser Filiale nicht mehr einkaufen darf. Eine der Verkäuferinnen hat mir das gesagt; sie ist gerade im Laden. Ich erwarte, dass sich der Filialleiter entschuldigt und die Anordnung dieser Angestellten widerlegt.“ Der Stellvertreter hatte nichts von dem Vorfall vom Montag gehört; er war einfach nicht da. Ein gutes Zeichen. Der Vorfall war also noch nicht mit dem gesamten Team besprochen worden. Ich sah mich um. Niemand beachtete mich, niemand tuschelte, niemand schien sich für mich zu interessieren, genauso wie sie sich seit mehr als sechs Jahren gar nicht dafür interessiert hatten, dass ich barfuß war. Nur die Verkäuferin, die mich zurechtgewiesen und die Polizei gerufen hatte, sie war diesmal an der Kasse, warf mir einen kurzen Seitenblick zu und beschäftigte sich weiter mit ihrer Arbeit. Der Stellvertreter teilte mir mit, dass sein Chef, Herr Yılmaz (ebenfalls ein typisch türkischer Name), an diesem Abend Dienst hatte. Das passt mir gut, sagte ich; ich würde nach der Arbeit vorbeikommen.
Und so geschah es. Zuerst ließen sie mich lange warten, unter ihnen auch die Verkäuferin, die vorgestern bei dem unangenehmen Gespräch dabei gewesen war. Eine Verschwörung? Oder hatte der Chef wirklich zu tun? Die Tür zum Hinterzimmer stand offen, die Angestellten gingen hin und her, da waren auch mehrere südländisch aussehende Männer, die Paletten umluden und große Wagen schoben. Aber wer von ihnen war Yılmaz? Schließlich verpasste ich den Moment, als der Chef selbst mit einem Wagen im Verkaufsraum erschien, und eilte zu einem anderen südländisch aussehenden Mann, der sagte, er sei gar nicht Yılmaz, der Chef sei dort drüben in der Ecke und räume gerade Waren von einer Palette ins Regal. Als ich einen großen, kahlköpfigen Kerl erblickte, der wie ein Märchenräuber aussah, dachte ich, es stünde schlecht um mich, aber ich fasste den Mut und beschloss, nicht aufzugeben.
Ich begann das Gespräch mit dem Filialleiter genau so wie heute Morgen mit seinem Stellvertreter. Eine Ihrer Mitarbeiterinnen, sagte ich dann, überreagierte auf meine Bemerkung, dass es keine Kleiderordnung für Kunden gäbe, und rief sofort die Polizei, anstatt zu erklären, warum sie sich so über das Fehlen von Schuhen an mir aufregte. Ich wies die hygienischen Bedenken zurück, indem ich das unschlagbare Argument vorbrachte, dass niemand mit den Füßen isst und ich es auch nicht tue. Vielleicht verbindet sie, sagte ich, die Barfüßigkeit mit Obdachlosigkeit, Asozialität oder Neigung zum Diebstahl? Das könnte ich verstehen, obwohl das auch Vorurteile sind. Aber sie hätte mit mir darüber reden und sich selbst davon überzeugen können, dass ich ein ganz normaler, rechtschaffener, loyaler Bürger bin. Gut, sie überließ diese Aufgabe der Polizei, die festgestellt hat, dass ich keine Gefahr für den Laden darstellte (in der Tat wusste ich natürlich nicht, was nach meinem Weggang geschah, wie die Polizei den Filialleiter über das Ergebnis ihres Gesprächs mit mir informierte und ob sie überhaupt mit ihm in Verbindung setzte; tatsächlich weiß ich es bis heute nicht). „Verstehe ich das richtig, dass die Sache erledigt ist und ich in Ihrem für mich sehr günstig gelegenen Geschäft auch in Zukunft wieder unbesorgt einkaufen kann?“, fragte ich. Nachdem er das alles gehört hatte, sagte der Filialleiter als Erstes, dass es ihm egal sei, wie ich in seinem Geschäft einkaufe.
So! Die wichtigsten Worte waren gefallen. Das Wort „egal“ fehlt im Lexikon eines Dummen. Ein Dummer macht sich um alles Sorgen; er versteht wenig von den Zusammenhängen und Verhältnissen in der Welt und misst jeder Kleinigkeit, die ein Kluger einfach ignorieren würde, große Bedeutung bei. Der Filialleiter erklärte mir dann, worauf die Bedenken der überwachsamen Verkäuferin zurückzuführen sind. Es hat nichts zu tun mit den vermeintlichen antisozialen Tendenzen der Barfußläufer. Und es ging ganz sicher auch nicht um Hygiene; der Filialleiter hinterfragte nicht einmal meine Thesis, dass das Barfußlaufen keine Darminfektionen verursachen kann.
Es stellte sich heraus, vor ein paar Tagen war eine ältere Dame, die sich erst kürzlich einer Operation unterzogen hatte, in dem Laden einkaufen. Entweder ließ sie ihre Tasche fallen oder stieß ihren Einkaufswagen um, ich weiß nicht genau, was passiert ist, aber alles fiel heraus und einiges zerbrach. Eine Zeit lang lagen überall Glasscherben und Essensreste herum und gefährdeten die Kunden und die Angestellten im Laden. Natürlich rechtfertigt für mich diese Information das Verhalten der Verkäuferin, die an diesem Morgen offenbar kurzzeitig den Filialleiter vertrat und ihr Engagement zeigen wollte, nicht. Es ist ein kleiner Trost für mich, dass man mir statt einer Neigung zum Diebstahl unzulässigen Leichtsinn vorwirft. Wollte sie mich etwa vor einem Unfall bewahren, falls noch jemand mit vollen Taschen stürzen sollte? Sehr nett von ihr… Ich tat so, als ob ich dem Filialleiter glaubte. In Wirklichkeit, wiederholte sie, da sie nicht kritisch denken kann, höchstwahrscheinlich einfach die Worte ihrer Mutter, mit denen sie sie als Kind einschüchterte: „Du darfst nicht barfuß laufen.“ Erst wiederholt man gedankenlos falsche Behauptungen, und dann sucht man nach einer Erklärung. Eltern können sich ja nicht irren. Und sie dachte überhaupt nicht an den Vorfall im Laden vor ein paar Tagen, als sie mich zurechtwies, da bin ich sicher. Sonst hätte sie mich mindestens davor gewarnt, dass Glassplitter auf dem Boden noch liegen könnten und ich vorsichtig sein soll. Sie hätte mir dann diesen Unsinn über Hygiene erspart. Sie hätte mir sogar in diesem Zusammenhang freundlich raten können, dass ich am besten auf jeden Fall Schuhe tragen sollte, wenn ich den Laden betrete, und ich hätte ihr das nicht übelgenommen und mich sogar über die Sorge bedankt. Ich bin mir fast sicher, dass ihr der Vorfall mit der gestürzten Frau erst einfiel, als der Filialleiter, dem der Stellvertreter meine Ankunft gemeldet hatte, von ihr eine Erklärung für ihr Verhalten verlangte.
Ich redete weiter und sagte Herrn Yılmaz unter anderem, dass er sich um mich keine Sorgen machen müsse, weil ich sehr abgehärtet bin, und erklärte ihm, warum ich gerade seine Filiale vorziehe. Das war aber alles überflüssig, denn das entscheidende Wort war bereits gefallen: „Egal.“ Jetzt weiß ich, dass ich mich auf Herrn Yılmaz verlassen kann, falls ich wieder auf so dumme Verkäufer treffe; er hat es mir mehrmals bestätigt. Beim Abschied lächelte mir Herr Yılmaz zu, und mir fielen zum erstenmal die Freundlichkeit ausstrahlenden blauen Augen des Märchenräubers auf. Das war es mit dieser Geschichte.
Eigentlich habe ich eine noch interessantere Geschichte, auch mit einem Happy End, die sich im September dieses Jahres ereignet hat und in der ebenfalls eine kluge und eine dumme Person vorkommen. Ich habe damals etwas Gutes durchgesetzt, nicht nur für Barfussläufer, und darauf bin ich sehr stolz, obwohl ich in dieser Geschichte alles andere als barfuß war. Ich werde sie auch irgendwann erzählen, aber die Zeit dafür ist noch nicht gekommen.
Inzwischen wünsche ich euch, liebe Gleichgesinnten, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Alle ihre Probleme sollen sich genauso glücklich lösen wie nach meinem barfüßigen Besuch im Aldi-Discounter vor einer Woche.
RE: Eine vorweihnachtliche Geschichte mit einer Dummen und einem Klugen
in Barfuß und Leben 25.12.2025 02:04von Matthias MUC •
| 6 Beiträge | 14 Punkte
In "meinem" EDEKA kommt der Chef persönlich auf mich zu und warnt mich, da sei vorhin mal bei der Kasse 1 eine Glasflasche zu Bruch gegangen , und dass ich da bitte trotzdem aufpassen möge, weil eventuell noch ein paar Restscherben rumliegen könnten, oder im Zweifel lieber eine andere Kasse nehmen möge. So einfach kann's auch gehen.
RE: Eine vorweihnachtliche Geschichte mit einer Dummen und einem Klugen
in Barfuß und Leben 25.12.2025 03:01von André Uhres • Admin | 2.390 Beiträge | 1267 Punkte
Lieber Dmytro,
Ist es nicht ein Segen, wenn sich Dummheit auf Kleinigkeiten beschränkt, wie in deiner "Räubergeschichte"? Anderswo führt sie zu grausamen Kriegen!
Alles Liebe
André
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