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Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 10.02.2026 11:05von Michael aus Zofingen •
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Hallo,
nach dem 17.1.2026 war ich 18 Tage nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, was teilweise mit dem Wetter zusammenhing, teilweise auch mit meinem gesundheitlichen Zustand. Am 5.2. sollte es zumindest in der Ostschweiz angenehm werden.
Donnerstag, 5.2.2026:
Route: Abfahrt in Zofingen 8:13, S-Bahn bis Olten, Interregio via Ziegelbrücke und Sargans bis Chur, Regionalzug bis St. Peter-Molinis, Kraftomnibus 43 bis St. Peter Rathaus, Kraftomnibus 41 bis Pleist Schulhaus, Wanderung zum Bahnhof Pleist, Regionalzug bis Chur Altstadt, Kraftpost Richtung Flims nur wenige 100 Meter, Bullenschleuder zur Polizeistation Chur, Wanderung zum Bahnhof Chur, Regioexpreß bis Disentis, Regionalzug via Oberalppaß bis Andermatt, Regionalzug via Schöllenenschlucht bis Göschen, Kraftomnibus 401 bis Erstfeld, Kupferzug bis Luzern, Interregio nach Zofingen, Ankunft 19:31.
Bemerkungen: Bei Hochnebel losgefahren (3°C), ab Walenstadt sonnig, ab Chur relativ warm (gemäß Wetterbericht angeblich 12°C). Ab Luzern Nebel.
Während ich in Chur auf den Bus wartete, hatte die eine südländisch aussehende Frau die Polizei angerufen. Offensichtlich dieselbe Frau hatte der Polizei gemeldet, in welchen Bus ich eingestiegen war. Bevor ich ins Polizei4rad einsteigen durfte, wurde ich auf Waffen untersucht. In der Polizeistation wurde mein Rucksack untersucht. Es folgten diverse Fragen der Beamten (ein Mann, eine Frau), die teilweise sehr ins Private gingen, während wir auf den Amtsarzt warteten. Ich wies die Beamten auf einen fast 7 Jahre alten Blick-Artikel hin. Während sich die Beamten das ansahen und laut abhörten, kamen ab und zu andere Polizisten in den Raum, aus reiner Neugier. Schließlich kam noch der Amtsarzt, ein sicher über 60jähriger Mann, Typ Dorfdoktor. Er erinnerte mich äußerlich an einen Arzt (Autofahrer mit Hut), der vor ca. 50 Jahren in meinem Heimatort Rellingen noch Hausbesuche machte und sein Auto so verkehrswidrig abstellte, daß niemand vorbeikam. Auch der Arzt stellte noch etliche unangenehme Fragen. Besonders schlimm fand ich, daß thematisiert wurde, daß ich alleinstehend war und keine Angehörigen in der Nähe habe. Auch wurde ich gefragt, wie oft ich zu den Verwandten kontakt habe. Auch schienen sie es nicht gutzuheißen, daß ich alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin. Ob sie Angst haben, daß ich mal wochenlang in der Wohnung oder sonstwo rumliegen könnte, ohne daß jemand etwas merkt? Abschließend sagte der Arzt, daß man es in Chur nicht gewöhnt ist, daß ältere Männer außerhalb des Sommers in kurzen Hosen und ohne Schuhe unterwegs sind. Auch wenn beides nicht verboten ist, empfahl er mir in Zukunft in Chur lange Hosen und Schuhe zutragen.
Was ist an Chur denn besonderes? Es ist die älteste Stadt der Schweiz und Bischofsitz.
Samstag, 7.2.2026:
Route: Abfahrt in Zofingen 7:29, Interregio bis Luzern, S-Bahn bis Langnau, S-Bahn bis Konolfingen, S-Bahn bis Thun, Intercity via Lötschberg-Basistunnel bis Visp, Regionalzug via Oberalppaß bis Andermatt, Regionalzug bis Disentis, Regioexpreß bis Chur, Intercity bis Sargans, Interregio bis Rorschach, Intercity via Zürich bis Olten, Interregio nach Zofingen, Ankunft 19:57.
Bemerkungen: Bei Hochnebel losgefahren (-1°C), sonnig zwischen Wolhusen und Langnau, neblig bis hinter Spiez, danach sonnig bis leicht bewölkt bis Einbruch der Dunkelheit, in Zofingen Hochnebel.
Beim Umsteigen in Sargans rief jemand: "Das ist jemand in kurzen Hosen und barfuß."
Sonntag, 8.2.2026:
Route: Abfahrt in Zofingen 6:29, Interregio bis Luzern, Kupferzug bis Altdorf, Winkelriedbus bis Stans, S-Bahn bis Luzern, Regioexpreß via Langnau, und Konolfingen bis Bern, Interregio via Thun und Lötschberg-Bergstrecke bis Brig, Regionalzug via Oberalppaß bis Andermatt, Regionalzug bis Disentis, Regioexpreß bis Chur, Intercity bis Zürich, Interregio bis Olten, Regioexpreß nach Zofingen, Ankunft 20:12.
Bemerkungen: Bei Nebel losgefahren (1°C), sonnig im Raum Altdorf, neblig bis hinter Frutigen, danach sonnig bis leicht bewölkt bis Einbruch der Dunkelheit, in Zofingen Hochnebel.
Beim Umsteigen in Chur hörte ich eine Kinderstimme "Barfuß".
Montag, 9.2.2026:
Route: Abfahrt in Zofingen 8:03, Interregio bis Olten, Intercity via Sargans bis Chur, Regionexpreß bis Ilanz (hält nur in Trin und Valendas-Sagogn), Kraftpost 420 via Disentis bis Dieni (hier eine halbe Stunde Aufenthalt), Regionalzug via Oberalppaß bis Andermatt, Regionalzug bis Münster (hier eine Stunde Aufenthalt), Regionalzug bis Brig, Kupferzug bis Arth Goldau, Intercity bis Bern via Lötschberg-Basistunnel, Interregio nach Zofingen, Ankunft 18:27.
Bemerkungen: Bei Hochnebel losgefahren (0°C), ab Walenstadt sonnig mit einzelnen Wolkenfeldern. In Zofingen immer noch klar.
In Dieni hatte ich zwischen Ankunft der Kraftpost und Abfahrt des Zuges Zeit, um ein Stück durch warmen Schnee zu gehen. Keinerlei Reaktionen von Leuten auf der benachbarten Skipiste. Der Weg zum Bahnsteig war verschneit und mit Holzspänen belegt. Hier gab es ein Verbotsschild für Skier, Schlitten usw., jedoch nicht für nackte Füße. Auf dem Bahnsteig fragte mich ein Mann, ob es die Klimaerwärmung sei.
In Münster unternahm ich einen Rundgang durch den Ortskern, wobei ich auch die Pfarrkirche besichtigte (um die Polizeistation machte ich einen Bogen). Von Münster gibt es verschneite Wanderwege, die durchs Tal führen. Für eine längere Wanderung war es zu spät, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Obwohl recht viele Leute am Bahnhof warteten, nahm niemand Anstoß an meiner Aufmachung.
Meine 105. bis 108. Barfußreise mit dem Generalabo waren beendet.
Schöne Grüße
Michael aus Zofingen
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 10.02.2026 11:55von heinz •
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Hallo Michael
Danke für den ausführlichen Bericht. Da war ja wieder einiges los, landschaftlich wie menschlich. Die Touren lesen sich beeindruckend, gerade die Passfahrten und die vielen Wechsel zwischen Nebel und Sonne, das ist schon speziell um diese Jahreszeit.
Was du aus Chur schilderst, finde ich ehrlich gesagt ziemlich heftig. Dass jemand die Polizei ruft, nur weil einer barfuß und in kurzen Hosen unterwegs ist, sagt mehr über die Anruferin aus als über dich. Die ganze Prozedur mit Durchsuchung, Arzt und diesen sehr persönlichen Fragen wirkt schon arg überzogen. Man kann ja besorgt sein, aber irgendwo hört es dann auch auf. Zumal ja, wie du schreibst, nichts davon verboten ist.
Umso auffälliger der Kontrast zu all den anderen Orten. In Dieni, Münster oder auch unterwegs in den Zügen scheint das Ganze viel entspannter gesehen zu werden, teils mit Neugier, teils mit Humor. Der Spruch mit der Klimaerwärmung passt da ganz gut.
Gut finde ich auch, dass du selbst sagst, dass man bei gesundheitlichen Signalen lieber mal kürzertritt. Bei allem Enthusiasmus sollte der Körper schon mitspielen.
Jedenfalls spannend zu lesen, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfallen, je nach Ort und Leuten. Danke fürs Teilen und weiterhin gute und vor allem ruhige Fahrten.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 10.02.2026 14:15von André Uhres • Admin | 2.406 Beiträge | 1291 Punkte
Michael,
Die Possen der Polizei sorgen bei mir immer wieder für Heiterkeit, obwohl ich einsehe, dass das in dem Moment für dich unangenehm ist.
Der Gedanke, dass du die Klimaerwärmung bist, oder das Resultat davon, ist natürlich auch beachtlich.
Alles Liebe
André
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 13.02.2026 11:51von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo André
Ganz ehrlich, beim Lesen musste ich auch schmunzeln. Aus der Distanz haben diese Polizeiepisoden tatsächlich fast schon etwas Absurdes. Wenn man nur den Ablauf hört, klingt es wie eine Szene aus einer Komödie.
Für Michael selbst ist das im Moment natürlich weniger lustig, vor allem wenn es persönlich wird und Fragen gestellt werden, die mit der eigentlichen Sache kaum noch zu tun haben. Aber immerhin bleibt es bisher bei Kontrollen und nicht bei wirklichen Konsequenzen.
Der Gedanke mit der Klimaerwärmung ist allerdings herrlich. Vielleicht braucht es nur ein paar mehr Barfüßer, und wir sparen uns die nächste Klimakonferenz.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 13.02.2026 18:53von Lebenskünstler • Admin | 1.449 Beiträge | 1631 Punkte
Danke, Michael, dass du uns auch auf diese Fahrten nach Graubünden mitgenommen hast.
Der Vorfall in Chur stimmt mich nachdenklich.
Nicht, weil jemand die Polizei informiert hat. Du könntest ja tatsächlich hilfsbedürftig gewesen sein.
Doch spätestens bei einem Gespräch müssten die Beamten festgestellt haben, dass bei dir alles in Ordnung ist, und du lediglich im Vergleich zu deinen Altersgenossen nicht so schnell frierst.
Etwas befremdlich finde ich die Frage nach deinem Familienstand, und eventuellen Angehörigen. Haben die dich für meschugge gehalten?
Grüßle vom Lebenskünstler
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 14.02.2026 17:01von Michael aus Zofingen •
| 903 Beiträge | 705 Punkte
Zitat von heinz im Beitrag #4
Für Michael selbst ist das im Moment natürlich weniger lustig, vor allem wenn es persönlich wird und Fragen gestellt werden, die mit der eigentlichen Sache kaum noch zu tun haben. Aber immerhin bleibt es bisher bei Kontrollen und nicht bei wirklichen Konsequenzen.
Was sind "nicht wirkliche Konsequenzen"?
In meinem Fall bedeutete das, daß ich nicht die geplante Fahrt mit dem Postbus nach Flims und die Weiterfahrt mit dem Bus nach Ilanz unternehmen konnte, sondern erst eine Stunde später von Chur wegkam (und anders fahren "mußte", um nicht zu spät zu Hause zu sein).
Hätte ich in Flims einen festen Termin gehabt, hätte ich ihn versäumt.
Hätte ich an einem Ort gewohnt, der von Chur offtopic-fahrzeugmäßig schlechter erreichbar als Zofingen, wäre ich irgendwo gestrandet und hätte mir womöglich eine Krankheit aufgesackt*).
Nun kann man sagen, daß die Polizisten nicht wissen können, daß ich einen eng getakteten Reiseplan unterwegs war. Das stimmt, aber soll man deswegen mehr Zeit beim Umsteigen einkalkulieren (und möglicherweise gerade wegen langem Warten an der Haltestelle kurz vor Eintreffen des Busses/Zuges kontrolliert werden?
*)
Ein anderes Beispiel: Jemand schwimmt in einem einsamen See oder Fluß, womöglich außerhalb des Hochsommers. Während der Zeit kommt jemand und nimmt vom Ufer alles mit (Tasche, Kleidung, Ausweise, Fahrrad- oder Autoschlüssel). Der Badende muß nun in Badeaufmachung zu Fuß nach Hause und erkältet sich dabei.
Ist es da noch entscheidend, ob derjenige, der die Sachen mitgenommen hat, ein "richtiger" Dieb ist oder es "nur gut gemeint hat" und die vermeintlich vergessenen Sachen mitgenommen hat, um sie im Fundbüro abzugeben.
Nachdenkliche Grüße
Michael aus Zofingen
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 14.02.2026 18:20von Michael aus Zofingen •
| 903 Beiträge | 705 Punkte
Zitat von Lebenskünstler im Beitrag #5
Doch spätestens bei einem Gespräch müssten die Beamten festgestellt haben, dass bei dir alles in Ordnung ist, und du lediglich im Vergleich zu deinen Altersgenossen nicht so schnell frierst.
Etwas befremdlich finde ich die Frage nach deinem Familienstand, und eventuellen Angehörigen. Haben die dich für meschugge gehalten?
Vermutlich ist es in Chur üblich, daß die Polizisten im Zweifelsfall den Amtsarzt rufen, der sein Büro im selben Gebäude hat. Um die Wartezeit auf den Onkel Doktor zu überbrücken, haben sie mir Fragen gestellt, da sie vermutlich nicht tatenlos zusehen wollten und nichts tun. Einige Fragen hat der Arzt hinterher (in Beisein des einen Beamten) noch mal gestellt.
Hier einige Fragen der Beamten/des Arztes, die mir besonders störend waren, nachdem sie meinen Schweizer Ausweis, mein Generalabo, mein Portemonnaie, meinen Zettel mit dem Reisplan usw. gesehen haben (mit meinen Kommentaren (nicht unbedingt meinen Antworten) in Klammern:
- Was wollen Sie in Chur? (als ob es eine Reisebeschränkung für Schweizer Bürger innerhalb der Schweiz gibt)
- Wieso sind Sie in den Bus Richtung Flims eingestiegen?
- Wo wollen Sie übernachten?
- Von wo sind Sie heute losgefahren?
- Wieso suchen Sie sich die Touren zu Hause im Internet aus und schreiben Sie auf?
- Haben Sie denn keine anderen Hobbys als mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein?
- Wieso haben Sie kein Handy dabei? (als ob es ein Handy-Obligatorium in der Schweiz gibt)
- Und was ist die Telefonnummer, die Sie angegeben haben? (als ob er noch nie was von Festnetztelefon gehört hat)
- Wissen Sie, daß Menschen, die kein Handy dabei haben oder auch nur ein Handy mit leerem Akku, wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden können, wenn dadurch jemand zu spät medizinische Hilfe bekommt? (rufen etwa deswegen so viele Leute die Polizei aus Angst, wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt zu werden?)
- Ist ihnen bewußt, daß sich Leute wegen Ihrer Kleidung Sorgen um Ihre Gesundheit machen könnten? (als ob anderen meine Gesundheit etwas angeht. Ich verpetze ja auch niemanden, der ständig raucht, sich mit fettem Essen nur so vollstopft und immer das 4rad benutzt (außer zur Toilette))
- Wohnen Sie allein?
- Haben Sie Angehörige in der Nähe ihrer Wohnung? (nein ich habe nur einen Bruder, der im Hamburger Raum lebt und ein paar entferntere Verwandte, ebenfalls im Hamburger Raum)
- Besuchen sie Ihren Bruder öfters oder er Sie?
- Warum sind Sie überhaupt in die Schweiz gezogen? (als ob Arbeit kein Grund ist)
- Als was haben sie gearbeitet und wie lange?
- Wieso sind Sie nach der Pensionierung in der Schweiz geblieben, obwohl sie nicht verheiratet sind und hier keine Angehörigen haben? (das grenzt an Nazi-, Stasi- oder Trump-Methoden)
- Haben Sie schon mal an Suizid gedacht?
Manchmal habe ich den Eindruck, als ob in der Schweiz geringfügige Vergehen (z.B. 10 km/h schneller als erlaubt, Autofahren mit 0.6 Promille ohne Unfall, Rotlichtüberquerung, wenn kein anderer Verkehr, Falschparkieren, Schwarzfahren, weil der Zug ohnehin fährt) häufiger toleriert werden als Dinge, die nicht verboten sind und bei denen niemand zu Schaden kommt, heute jedoch eher ungewöhnlich sind (z.B. Barfußlaufen oder /und kurze Hosen tragen in dem Monaten mit "r", Weihnachten feiern nicht nur zur Weihnachtszeit, Benutzung von Festnetztelefon, handschriftliche Briefe verfassen).
Möglicherweise ist es in ein paar Jahren in der bünzligen Schweiz verdächtig (quasi-kriminell), noch mit Bargeld zu bezahlen (potentieller Steuerbetrüger), nach Abschluß der Ausbildung immer im selben Unternehmen arbeiten, mehr als 10 Jahre in derselben Wohnung leben, verheiratet sein, bis einer der Ehepartner (ohne Nachhilfe des anderen) nach langer Ehe stirbt.
Nachdenkliche Grüße
Michael aus Zofingen
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 15.02.2026 03:12von André Uhres • Admin | 2.406 Beiträge | 1291 Punkte
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 15.02.2026 15:44von Matthias MUC •
| 7 Beiträge | 15 Punkte
Abgesehen davon, daß diese ganze Fragerei maximal übergriffig ist, würde ich stark anzweifeln, daß das....
Zitat von Michael aus Zofingen im Beitrag #7stimmt. Weder im deutschen, noch im Schweizer Recht. Analog dazu wäre ja, wenn jemand keinen frischen Erste-Hilfe-Kurs vorzuweisen hat oder so....
- Wissen Sie, daß Menschen, die kein Handy dabei haben oder auch nur ein Handy mit leerem Akku, wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden können, wenn dadurch jemand zu spät medizinische Hilfe bekommt?
Wo sind die Jurist*innen?
Meine spannendste Kontrolle war kurz vor der vorletzten S-Bahn am Münchner Ostbahnhof. Ging aber schnell genug (nur Ausweiskontrolle und Blick auf mein, damals noch auch am Bahnhof legal zu führendes Opinel am Schlüsselbund), keine blöden Fragen, nur nachher, als alles durch war, und die S-Bahn noch nicht da, eher neugierig, warum ich barfuß unterwegs bin.
Irgendwie sind die deutschen Cops zumindest was Barfüßigkeit betrifft, offensichtlich lockerer drauf. Daß ich in anderen Zusammenhängen der Polizei grundsätzlich und bestimmten, einschlägig bekannten bayerischen Einheiten im Besonderen nur soweit traue, wie ich eine Miele-Waschmaschine werfen kann, steht auf einem anderen Blatt....
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 16.02.2026 12:53von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo Michael
Jetzt verstehe ich besser, was du mit den Konsequenzen meinst. Eine Stunde Verspätung klingt von außen vielleicht harmlos, aber wenn man einen durchdachten Tagesplan hat und Anschlüsse genau kalkuliert sind, kann das ziemlich ärgerlich sein. Vor allem dann, wenn man nichts Unrechtes getan hat.
Die Vielzahl der Fragen wirkt beim Lesen tatsächlich befremdlich. Besonders die biografischen Dinge gehen weit über das hinaus, was man im ersten Moment erwarten würde. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass sie weniger deine Person als vielmehr ein mögliches Risiko abklären wollten. Das macht es nicht angenehmer, erklärt aber vielleicht, warum sie so weit ausgeholt haben.
Die Frage nach Suizidgedanken gehört wohl leider zum Standardrepertoire, sobald ein Amtsarzt involviert ist. Auch wenn es sich sehr direkt und unangemessen anfühlt, scheint das eher Schema als persönliche Unterstellung zu sein.
Was die Handygeschichte betrifft, da musste ich innerlich den Kopf schütteln. Ein allgemeines Handyobligatorium gibt es nicht, und die Argumentation mit der unterlassenen Hilfeleistung wirkt zumindest sehr konstruiert. Da wurde wohl eher versucht, dich von der Sinnhaftigkeit eines Mobiltelefons zu überzeugen.
Dein Vergleich mit dem Schwimmer zeigt gut, wo dein eigentlicher Ärger sitzt. Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht. Wenn eine Maßnahme reale Nachteile verursacht, fühlt sie sich eben nicht mehr wie bloße Fürsorge an.
Trotzdem würde ich versuchen, nicht zu sehr in das Bild einer generell überregulierten Gesellschaft abzurutschen. Das führt schnell zu Grundsatzgedanken, die mit der konkreten Situation nur noch am Rande zu tun haben. In deinem Fall war es vermutlich eine Mischung aus ungewohnter Erscheinung, Winter und einer besorgten Meldung. Unglücklich für dich, aber kein gezieltes Vorgehen gegen deine Lebensweise.
Vielleicht hilft es, die Sache als einmalige Zuspitzung zu sehen. Deine vielen anderen Fahrten zeigen ja, dass es meist ruhig und problemlos abläuft. Und wenn es doch wieder zu einer Kontrolle kommt, weißt du zumindest, welche Fragen wahrscheinlich auftauchen.
Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass die nächsten Reisen wieder mehr Landschaft als Amtszimmer beinhalten.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 16.02.2026 14:54von Michael aus Zofingen •
| 903 Beiträge | 705 Punkte
Hallo Heinz
Zitat von heinz im Beitrag #10
Was die Handygeschichte betrifft, da musste ich innerlich den Kopf schütteln. Ein allgemeines Handyobligatorium gibt es nicht, und die Argumentation mit der unterlassenen Hilfeleistung wirkt zumindest sehr konstruiert. Da wurde wohl eher versucht, dich von der Sinnhaftigkeit eines Mobiltelefons zu überzeugen.
Ein Handyobligatorium gibt es (noch) nicht in der Schweiz. Da die Polizistin und der Polizist im Gegensatz zum Amtsarzt junge Schnösel waren, die mit dem Handy groß geworden sind, haben sie vermutlich ohne zu überlegen die Sache mit unterlassener Hilfeleistung gebracht.
In diesem Fall wurde ein Mann wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt, jedoch anschließend freigesprochen. Wenn das Opfer kein junger Mann, sondern ein 30jähriger Manager, der sich die teuersten Anwälte leisten kann, gewesen wäre und der Angeklagte ein armer Tropf ohne Rechtschutzversicherung, wäre das Ergebnis vielleicht anders ausgefallen.
Zitat von heinz im Beitrag #10
Dein Vergleich mit dem Schwimmer zeigt gut, wo dein eigentlicher Ärger sitzt. Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht. Wenn eine Maßnahme reale Nachteile verursacht, fühlt sie sich eben nicht mehr wie bloße Fürsorge an.
Mir wären auch einmal beinahe Sachen an einem Badeplatz weggenommen worden. Es war außer mir niemand dort. Ich hatte mich für höchstens 5 Minuten vom Platz in die Büsche verzogen. Als ich zurückkam, sah ich, wie jemand meine Tasche durchwühlte. Als ich ihn ansprach, meinte er nur, daß er dachte, jemand hätte die Sachen liegen gelassen, und er wollte sie bei der Polizei abgeben. Ob das wahr war? Wäre der Mann ein Rentner vom Typ Strebergärtner, der sich über Unkraut in Nachbars Garten aufregt, gewesen, hätte ich es eher geglaubt als beim diesem Mann, ca. 25, sprach gebrochenes Deutsch. Aber das sind Vorureile, und man kann sich sehr täuschen.
Schöne Grüße
Michael aus Zofingen
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 16.02.2026 19:19von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo Michael
Ich merke, dass dich das Ganze noch beschäftigt, und das ist verständlich. Wenn man sich einmal in so einer Situation wiederfindet, denkt man hinterher vieles weiter und malt mögliche Szenarien durch.
Bei der Sache mit der unterlassenen Hilfeleistung wäre ich vorsichtig mit Spekulationen über unterschiedliche Urteile je nach sozialem Status. Natürlich gibt es immer wieder Diskussionen über Gerechtigkeit und Ressourcen, aber in deinem geschilderten Fall wurde ja gerade freigesprochen. Das zeigt zumindest, dass nicht jede Anklage automatisch zu einer Verurteilung führt. Alles andere bleibt letztlich Mutmaßung.
Was die jungen Polizisten betrifft, kann es gut sein, dass sie aus ihrer eigenen Lebenswelt heraus argumentiert haben. Für viele Jüngere ist ein Handy so selbstverständlich wie früher der Haustürschlüssel. Dass man bewusst darauf verzichtet, passt nicht in ihr Denkschema. Daraus gleich eine Pflicht abzuleiten, ist natürlich ein Schritt zu weit, aber eher Ausdruck von Denkgewohnheit als von böser Absicht.
Die Episode am Badeplatz ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell wir anfangen, Menschen einzuordnen. Du beschreibst ja selbst, dass dir im Nachhinein klar ist, wie stark dabei Vorurteile mitschwingen. Genau so läuft es vermutlich auch umgekehrt bei dir. Jemand sieht einen älteren Mann im Winter barfuß und ordnet ihn in eine Schublade ein. Meist ohne bösen Willen, sondern aus Unsicherheit.
Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner all dieser Situationen. Menschen versuchen, sich eine Geschichte zu erklären, wenn etwas nicht ins gewohnte Bild passt. Manchmal greifen sie daneben, manchmal reagieren sie übervorsichtig.
Wichtig finde ich, dass du trotz allem differenzierst und nicht pauschal urteilst. Das merkt man ja an deinem letzten Absatz selbst. Diese Fähigkeit schützt einen davor, innerlich zu verhärten.
Ich hoffe, dass die nächsten Begegnungen wieder unspektakulärer verlaufen und du dich mehr auf Landschaft und Fahrpläne konzentrieren kannst als auf gesellschaftliche Grundsatzfragen.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 18.02.2026 07:08von André Uhres • Admin | 2.406 Beiträge | 1291 Punkte
Heute denkt man man eher über ein Wischphonverbot nach, als über eine Wischphonpflicht, da man sich der negativen Folgen derselben immer bewusster wird.
Bayern (an Grund- und Förderschulen)
Brandenburg (an Grund- und Förderschulen)
Hessen (an allen Schulen, Ausnahmen für ältere Schülerinnen und Schüler möglich)
Bremen (an Grundschulen und Sekundarstufe 1)
Saarland (an Grundschulen)
Schleswig-Holstein (bis einschließlich Klasse 9)
Die negativen Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen lassen sich höchstwahrscheinlich auch auf "Erwachsene" übertragen, wobei letztere oft nie wirklich erwachsen werden, wie das Beispiel vieler Bullen belegt.
Alle Liebe
André
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 18.02.2026 11:27von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo André
Der Gedanke mit dem möglichen Wischphonverbot ist interessant. Tatsächlich merkt man ja, dass sich die Diskussion verschiebt. Vor ein paar Jahren galt das Smartphone fast als Heilsbringer, inzwischen schaut man deutlich kritischer auf Konzentration, Schlaf, soziale Dynamik und all die Begleiterscheinungen. Dass einige Bundesländer den Gebrauch an Schulen einschränken, passt in dieses Bild. Dort geht es in erster Linie um Lernumgebung und Altersstufen, weniger um ein grundsätzliches Technikverbot.
Ob sich das eins zu eins auf Erwachsene übertragen lässt, da bin ich mir nicht so sicher. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Entwicklung noch im Gange, deshalb reagiert man dort sensibler. Erwachsene tragen im Idealfall mehr Eigenverantwortung. Dass das nicht immer perfekt funktioniert, sieht man in vielen Lebensbereichen, nicht nur beim Smartphone.
Mit der Bemerkung über die Bullen wäre ich etwas zurückhaltend. Pauschale Zuschreibungen helfen uns am Ende nicht weiter. So wie wir es als ungerecht empfinden, wenn jemand allein wegen kurzer Hosen und nackter Füße in eine Schublade gesteckt wird, sollten wir auch andere nicht kollektiv einordnen. Es gibt sicher sehr unterschiedliche Persönlichkeiten im Polizeidienst, wie in jedem Beruf.
Vielleicht zeigt die ganze Debatte vor allem, wie stark sich unsere Gewohnheiten in kurzer Zeit verändert haben. Wer bewusst ohne Smartphone unterwegs ist, fällt heute auf, obwohl das vor zwanzig Jahren völlig normal gewesen wäre. Technik wird schnell zur Norm, und wer sich entzieht, wirkt automatisch ungewöhnlich.
Am Ende geht es wohl weniger um Verbote oder Pflichten, sondern um Maß und Umgang. Und da muss jede Altersgruppe ihren eigenen Weg finden.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 18.02.2026 12:27von André Uhres • Admin | 2.406 Beiträge | 1291 Punkte
Lieber Heinz,
auch bei Erwachsenen wird ja inzwischen der Gebrauch des Wischphons durch strenge Verordnungen eingeschränkt, etwa im Auto oder Theater. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass immer mehr Unverträglichkeiten aufgedeckt werden, was sogar bis in den privaten Bereich gehen kann.
Einige Berufe bringen es wohl mit sich, dass es in ihnen viele schwarze Schafe gibt. Fast alle Bullen, mit denen ich zu tun hatte (etwa ein Dutzend) waren recht kindisch. Es gab allerdings auch ein paar, die zumindest zeitweise normal reagierten.
Alles Liebe
André
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 18.02.2026 17:26von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo André
Du hast recht, gewisse Einschränkungen gibt es natürlich auch für Erwachsene. Im Auto ist es eine klare Sicherheitsfrage, im Theater eine Frage der Rücksicht. Das sind aber aus meiner Sicht eher punktuelle Regeln für konkrete Situationen und keine grundsätzliche Bewertung der Technik oder ihrer Nutzer. Ob sich daraus wirklich einmal weitreichende Eingriffe in den privaten Bereich entwickeln, da bin ich eher zurückhaltend. Zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre liegt doch noch eine deutliche Grenze.
Was deine Erfahrungen mit der Polizei betrifft, verstehe ich, dass persönliche Begegnungen prägen. Wenn man mehrfach das Gefühl hatte, nicht ernst genommen oder kindisch behandelt zu werden, bleibt das hängen. Gleichzeitig wäre ich vorsichtig, daraus ein generelles Bild abzuleiten. In nahezu jedem Beruf mit Machtbefugnissen oder Stresssituationen gibt es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Manche agieren souverän, andere weniger.
Vielleicht ist es auch hilfreich, sich bewusst zu machen, dass wir alle dazu neigen, negative Erfahrungen stärker zu gewichten als neutrale oder positive. Die bleiben oft weniger präsent, obwohl es sie ebenfalls gibt, wie du ja selbst andeutest.
Am Ende hilft es vermutlich mehr, konkrete Situationen nüchtern zu betrachten, statt ganze Gruppen zu bewerten. Sonst gerät man schnell in dieselbe Schubladenlogik, die man an anderer Stelle kritisiert.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 19.02.2026 11:25von André Uhres • Admin | 2.406 Beiträge | 1291 Punkte
Lieber Heinz,
ich berichte nur aus meiner Erfahrung und bewerte weder ganze Gruppen noch Techniken. Aber wenn negative Erfahrungen sich häufen, dann ist man sicher gut beraten, daraus zu lernen, und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Das ist meine persönliche Überzeugung, die muss natürlich niemand teilen, denn ich glaube, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Auch muss ein Eingriff im privaten Bereich nicht von außen kommen, man kann sich selbst Einschränkungen auferlegen, wenn man sich dann freier und glücklicher fühlt. Nach dem Motto: weniger ist oft mehr
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Alles Liebe
André
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 19.02.2026 16:43von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo André
So, wie du es jetzt formulierst, klingt es deutlich ausgewogener. Aus eigenen Erfahrungen Schlüsse zu ziehen, ist ja etwas ganz Normales. Wenn sich bestimmte Situationen häufen, überlegt man automatisch, wie man künftig damit umgehen möchte. Das hat weniger mit Verallgemeinerung zu tun als mit Selbstschutz und Lernfähigkeit.
Dein Gedanke mit den freiwilligen Einschränkungen gefällt mir. Sich selbst Grenzen zu setzen, um freier zu sein, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, hat aber durchaus etwas für sich. Ob beim Smartphone, bei Medien allgemein oder bei anderen Gewohnheiten – manchmal schafft bewusste Reduktion tatsächlich mehr Ruhe.
Ich glaube, entscheidend ist die Freiwilligkeit. Wenn ich mich selbst entscheide, etwas weniger zu nutzen, fühlt sich das anders an, als wenn es mir von außen verordnet wird. In diesem Punkt kann ich dir gut folgen.
Und was die Erfahrungen mit Behörden oder anderen Gruppen betrifft, da ist es vermutlich hilfreich, wachsam zu bleiben, ohne innerlich zu verkrampfen. Lernen ja, verhärten eher nicht. Das ist zumindest mein persönlicher Versuch.
Viele Grüße
Heinz
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 19.02.2026 18:21von Michael aus Zofingen •
| 903 Beiträge | 705 Punkte
Zitat von heinz im Beitrag #18
Dein Gedanke mit den freiwilligen Einschränkungen gefällt mir. Sich selbst Grenzen zu setzen, um freier zu sein, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, hat aber durchaus etwas für sich. Ob beim Smartphone, bei Medien allgemein oder bei anderen Gewohnheiten – manchmal schafft bewusste Reduktion tatsächlich mehr Ruhe.
Ich glaube, entscheidend ist die Freiwilligkeit. Wenn ich mich selbst entscheide, etwas weniger zu nutzen, fühlt sich das anders an, als wenn es mir von außen verordnet wird. In diesem Punkt kann ich dir gut folgen.
Hallo Heinz,
das Wort "freiwillig" wird heutzutage auch oft mißbraucht. So hieß es etwa in einem Unternehmen "Die Teilnahme an diesem Kurs (oder sonst irgendwas) ist freiwillig". Wenn aber daraufhin diejenigen Mitarbeiter, die "freiwillig" nicht am Kurs teilnehmen, benachteiligt werden, ist es mit der Freiwilligkeit nicht mehr weit her.
Ich erinnere mich auch noch an meine erste Klasse auf dem Gymnasium: Die Mathelehrerin sagte einmal bei einer Klassenarbeit: "Die letzten beiden Aufgaben sind freiwillig." Wer die Zusatzaufgaben gar nicht erst machte und ansonsten keine Fehler machte, konnte trotzdem nicht die Bestnote bekommen. Darauf hätte die Lehrerin vorher hinweisen müssen.
Und wenn jemand sagt, man verzichtet "freiwillig" auf den Besitz eines Autos und ist gleichzeitig sehr knapp bei Kasse, dann ist es nicht unbedingt glaubwürdig (aber daraus zu schließen, daß derjenige bei besserer Finanzlage ein 4rad anschaffen würde, trifft auch nicht immer zu.
Ich habe nie ein Auto besessen. Als Student konnte ich mir in den ersten Semestern kein 4rad leisten, also war es nicht freiwillig. Als Berufstätiger wäre ein Auto möglich gewesen. Und da mir niemand befohlen hat, mir kein Auto anzuschaffen, war mein Entscheid wohl freiwillig.
Einen eigenen Fernseher habe ich auch nie besessen, nur ein Radio. Anfangs konnte man freiwillig wählen, ob man Radio und Fernsehen (höhere Gebühr) oder nur Radio (geringere Gebühr) oder gar nichts von beiden (keine Gebühr) haben wollte. Heute muß man immer dieselbe hohe Gebühr zahlen, auch wenn man gar nichts hat. Das ist Bevormundung durch den Staat.
Was das Wischphon anbelangt: Benutzungsverbote sind gibt es an verschiedenen Orten. Und auch dort, wo die Benutzung erlaubt ist, kann man freiwillig auf die Benutzung verzichten. Besitzverbote von Handys gibt es aber nicht. Aber es gibt allerlei Dinge, die man ohne Handy nicht machen kann. Ein Uralt-Handy, mit dem man nur telefonieren kann, nützt einem auch nicht mehr viel. Für manche Online-Anmeldungen benötigt man eine Handynummer und ein Handy mit Kamera, die man vor den Bildschirm des PCs halten muß. Und wenn jemand eine App auf einem Handy installiert hat und die App wird aktualisiert, dann besteht die Gefahr, daß sie mit dem Handy nicht mehr kompatibel ist und man ein moderneres Handy benötigt. Das ist Bevormundung durch die Telefongesellschaft. Und wenn man sein altes Handy nur deswegen fortrühren muß, ist das alles andere als nachhaltig. Letzteres war mit ein Grund, weshalb ich freiwillig (?) auf den Besitz eines Wischphons verzichte.
Auf die Benutzung von Schuhen (um zum Thema "barfuß" zurückzugelangen), langen Hosen, Krawatten, Hüten und Mützen verzichte ich freiwillig an denjenigen Orten, wo ich es für mich am besten ist. Wenn ein Westerländer Edeka-Fritze, ein Theaterheini, Gastwirt usw. es an Orten nicht haben will, an denen er das Hausrecht besitzt, dann verzichte ich freiwillig auf das Angebot. Wenn sich aber Leute, die mir gegenüber keine Weisungsbefugnis haben, an Orten, an denen sie nichts zu melden haben, Vorschriften machen wollen oder mich anschwärzen und mir daraufhin ein Schaden entsteht, lüpft es mir den (nicht vorhandenen Hut).
Was ich aber nicht verstehen kann: "Freiwillig" auf einen Fernseher verzichten und beim Nachbarn TV glotzen. "Freiwillig" auf ein Auto verzichten und davon es für selbstverständlich halten, daß andere einen mitnehmen.
Schöne Grüße
Michael aus Zofingen
RE: Viermal barfuß durch Graubünden
in Barfuß und Leben 19.02.2026 20:19von heinz •
| 34 Beiträge | 56 Punkte
Hallo Michael
Du sprichst da einen wichtigen Punkt an. Das Wort „freiwillig“ wird tatsächlich nicht immer sauber gebraucht. Wenn formell Wahlfreiheit besteht, faktisch aber Nachteile drohen, ist das eher eine indirekte Verpflichtung. Dein Beispiel mit der Klassenarbeit passt gut. Wenn eine „freiwillige“ Zusatzaufgabe Voraussetzung für die Bestnote ist, dann ist sie eben nicht wirklich freiwillig, sondern versteckt verpflichtend.
Auch im Berufsleben gibt es solche Grauzonen. Offiziell ist etwas optional, praktisch wirkt es sich auf Beurteilungen oder Aufstiegschancen aus. Das fühlt sich dann zu Recht schief an. Da kann ich deinen Unmut nachvollziehen.
Beim Auto- oder Fernsehthema sehe ich es etwas differenzierter. Deine eigene Entwicklung zeigt ja, dass sich Motive im Lauf des Lebens ändern können. Erst waren es finanzielle Gründe, später eine bewusste Entscheidung. Beides kann zu demselben Ergebnis führen, nur aus unterschiedlichen Ausgangslagen. Dass heute Rundfunkgebühren pauschal erhoben werden, empfinden viele als Bevormundung. Andere sehen es als solidarische Finanzierung eines öffentlichen Angebots. Je nach Blickwinkel wirkt es anders.
Beim Smartphone ist die Entwicklung tatsächlich ambivalent. Einerseits gibt es keine Besitzpflicht. Andererseits entstehen immer mehr Dienste, die faktisch nur mit Smartphone komfortabel nutzbar sind. Das erzeugt sozialen Druck, auch ohne gesetzliche Pflicht. Ob man das als Bevormundung durch Unternehmen oder eher als Marktlogik sieht, hängt wieder vom Standpunkt ab. Nachhaltigkeitsfragen kommen noch dazu, da bin ich bei dir.
Was deine Haltung zu Kleidung, Schuhen oder sonstigen Gewohnheiten betrifft, wirkt das für mich konsistent. Du entscheidest situativ und akzeptierst dort Grenzen, wo jemand Hausrecht hat. Das ist eine klare Linie. Problematisch wird es immer dann, wenn sich Menschen ohne Zuständigkeit berufen fühlen, regulierend einzugreifen. Gleichzeitig bewegen wir uns im öffentlichen Raum nie ganz ohne soziale Rückkopplung. Auch wenn niemand formell Weisungsbefugnis hat, reagieren Menschen auf das, was sie als ungewöhnlich empfinden. Das ist kein Rechtstitel, aber eine soziale Realität.
Dein letzter Punkt ist spannend. „Freiwilliger Verzicht“ wirkt inkonsequent, wenn man gleichzeitig selbstverständlich von den Ressourcen anderer lebt. Da verschwimmt Eigenverantwortung mit Bequemlichkeit. Wer sich bewusst gegen etwas entscheidet, sollte die Konsequenzen dieser Entscheidung auch tragen können. Sonst ist es eher Verlagerung als Verzicht.
Vielleicht läuft vieles auf eine einfache Unterscheidung hinaus: echte Freiwilligkeit bedeutet, dass ich wählen kann und bereit bin, die Folgen meiner Wahl selbst zu tragen. Sobald versteckte Sanktionen oder verdeckte Abhängigkeiten ins Spiel kommen, wird es komplizierter.
Viele Grüße
Heinz
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