Zitat von André Uhres im Beitrag #1
Tarn deine Füße bei vornehmen Leuten,
wie auch die Armen sich vor ihnen scheuten,
aber bei Bettlern, da zeige sie gerne,
weil sie die Freude mithin auch bedeuten. 
Fortsetzung

:
Denn wer den Staub auf den Sohlen getragen,
lernte die Sprache der endlosen Fragen;
Gold kennt den Glanz, doch der Weg kennt die Wunde,
und beide verbergen sich selten in Tagen.
Doch zieh ohne Schuhe dem Morgen entgegen,
wenn Tau seine Perlen auf Wiesen mag legen;
die Erde begrüßt dich mit schweigendem Segen,
und jeder Schritt wird zu heimlichem Regen.
Barfuss zu gehen heisst, leise zu lauschen,
den Kieseln, den Gräsern, den Bächen, die rauschen;
der Boden erzählt dir von längst alten Zeiten,
die Winde beginnen, dein Herz zu berauschen.
Der Sand trägt die Wärme vergangener Stunden,
der Wald birgt die Kühle verborgener Runden;
der Lehm hält den Abdruck des wandernden Lebens,
als wären wir ewig mit ihm schon verbunden.
Die Dornen belehren, die Steine ermahnen,
nicht achtlos die eigenen Wege zu bahnen;
denn selbst eine Wunde, vom Pfade empfangen,
kann Güte und Achtsamkeit tief in uns ahnen.
Wer barfuss den Morgen im Taugras erfahren,
kennt Schätze, die niemals in Truhen verwahren;
die Erde erzählt mit unzähligen Stimmen
von Wegen, die länger als Jahresringe waren.
Barfuss erkennt man den Atem der Erde,
die schweigend wird jedermanns Gefährte;
sie spricht nicht in Worten, sie spricht durch Berührung,
als sei jeder Mensch der ersehnte Gelehrte.
Kein Leder vermag diese Nähe zu schenken,
kein Purpur die Seele so still zu beschenken,
die nackte Berührung von Sohle und Boden
lässt alle Gedanken zum Wesentlichen lenken.
Wer barfuss den Hügel im Sommer erklommen,
dem ist auch der Himmel viel näher gekommen;
die Lerchen begleiten die offenen Schritte,
als hätten sie selbst ihren Takt angenommen.
Im Regen zu gehen, den Schlamm zu verspüren,
heißt Demut und Freiheit zugleich zu berühren;
die Pfützen sind Spiegel, die lachend verraten,
wie leicht wir verlernen, unser Leben zu führen.
Der Frost lehrt Geduld und die Hitze Vertrauen,
auf Füsse, die tastend den nächsten Schritt bauen;
nicht immer sind Wege bequem oder eben,
doch wächst mit dem Gehen das mutige Schauen.
So trage den Staub wie ein leuchtendes Zeichen,
vor keinem Palaste soll Würde erweichen;
denn Füße, die ehrlich den Erdboden kennen,
müssen vor keinem Gewande verbleichen.
Vielleicht wirst du einst ohne Reichtum verweilen,
doch reich an den Wegen, die Herzen heilen;
wer barfuss gegangen mit offenen Sinnen,
dem werden die Sterne den Heimweg zeigen.
Und wenn dich am Abend die Felder empfangen,
die Schatten sich schweigend um Wiesen verhangen,
dann waschen der Wind und das silberne Gras
den Staub von den vielen vergangenen Gängen.
Die Erde behält deiner Schritte Erinnerung,
nicht als Besitz, nur als sanfte Berührung;
denn die Liebe zum Barfussgehen
bleibt länger bestehen als jegliche Zierung.
Drum schäme dich niemals mit nackten Füssen,
der Sohlen, die sogar Schnee aushalten müssen;
sie tragen dich treuer als Prunk und als Seide
und versagen auch nicht in reissenden Flüssen.
Barfuss zu leben heißt niemals nur gehen,
es heißt, diese Welt mit den Sohlen zu sehen;
den Himmel zu ahnen im Rauschen der Erde
und staunend das Wunder des Daseins verstehen.