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Hobby-Barfuß-Renaissance-Forum

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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Barfuß und Leben
Zalesski Offline




Beiträge: 24
Punkte: 22

28.10.2023 23:34
Tagebuch eines faulen Barfußläufers Zitat · Antworten

15. Mai 2023

Am 30. April, fast fünf Jahre nach dem ersten Lauf des Barfußlaufvereins Tarahumara Fans, angeführt von der schönen Brasilianerin Elen Machado, im Jahr 2018,















nahm ich erneut an deren Veranstaltung teil. Dafür musste ich mir extra einen Tag in meinem Museum frei nehmen, da wir sonntags immer arbeiten. Als ich um 11 Uhr (natürlich barfuß) am Treffpunkt ankam, standen schon vor dem Hotel Leute mit dem Vereinsbanner. Als ich mich ihnen anschloss, stieg die Zahl der Barfüßer unter ihnen drastisch von null auf 20 %, was genau diesem Bild aus dem Poster entspricht, das ich per E-Mail erhalten hatte.



Nur einer von den fünf schematisch dargestellten Läufern beiderlei Geschlechts ist dort barfuß, und so ist leider der Normalfall (der am Ende dieses Tages erreichte Anteil der Barfußläufer von leicht über 30 %, nämlich 6 von 19, ist eher eine Ausnahme). Elen, die einzige von allen, die „Barfußschuhe“ trug, stellte mich ihrem Mann Robert, den sie auf brasilianische Art Roberto nannte, und einem anderen jungen Mann, Mayo, den ich noch nicht kannte, als ersten Ukrainer vor, der an ihrem Lauf teilnahm. Ich dachte, dass sie sich versprochen hatte, und korrigierte sie: „Ein Ukrainer, der an eurem ersten Lauf teilnahm“ und fragte sie zum Spaß: „Erwartet ihr etwa heute außer mir noch andere Ukrainer?“ Dann wandte ich meinen Blick den Aushängen auf Ukrainisch zu, die überall an der Fassade des Hotels und in dessen Foyer angebracht waren und hauptsächlich Informationen enthielten, was im Hotel verboten ist zu tun, hörte von überall meine heimische Sprache klingen und... fing an, zu verstehen, worum es geht. Eine hübsche junge Frau, Kathrin, die ich im vorigen Sommer kennengelernt habe, als ich bei den Tarahumara Fans, die ihre Veranstaltung zufällig am Mainufer in der Nähe des Museums abhielten, während meiner Mittagspause vorbeischaute,





ist mit einer Liste aus 14 Vor- und Nachnamen herausgekommen, die ein bisschen verändert wurden, aber nicht so stark, dass man ihre ukrainische Herkunft nicht erkennen konnte. Unter ihnen gab es nur einen männlichen Namen Ruslan, alle anderen Namen klangen weiblich. Und das ist ganz verständlich, denn im Moment lässt man Männer im wehrpflichtigen Alter in der Regel nicht aus der Ukraine heraus. Unter anderen hatten sich für das 2,1-km Lauf zwei kleine Mädchen angemeldet, der Rest waren relativ junge Frauen, die oft nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Familien verlassen hatten und im seit März letzten Jahres in ein Wohnheim für ukrainische Flüchtlinge umgewandelten Hotel „Savigny„ vorübergehend untergebracht worden waren. Man kann sich kaum geeignetere Personen für die Umsetzung eines so fragilen Projekts vorstellen als die Flüchtlinge, die alle an einem Ort leben, wenig anspruchsvoll sind, unter Bewegungsmangel aufgrund der überwiegend sitzenden Tätigkeit (ein intensiver Deutschunterricht) leiden, sich stark für Gesundheitsprobleme interessieren (was im Allgemeinen für Frauen typisch ist) und außerdem, aufgrund der unzureichenden Erfahrung, sich leicht einen Bären aufbinden lassen, sich nicht leisten können, viel Geld für Vergnügen auszugeben, und sich aufrichtig über kleine Geschenke freuen... Elen teilte Kathrin begeistert mit, dass der Dolmetscher eingetroffen sei und sie keine Schwierigkeiten mehr haben würden, mit den Läufern zu kommunizieren.
Im Foyer des Hotels zog Elen endlich ihre Schuhe aus und ich schoss ein paar Fotos, leider nicht so gelungene, weil meine Kamera nicht ganz in Ordnung war. Elen posierte aber wie immer mit viel Engagement.





Von Zeit zu Zeit drangen Sätze in ukrainischer und russischer Sprache an mein Ohr, die für Elen und ihre Kollegen unverständlich waren, aus denen ich aber heraushören konnte, dass mein barfüßiges Erscheinen, ohne Schuhe mitgenommen zu haben, die Teilnehmer der Veranstaltung sehr beeindruckt hat.
Und als ich die ukrainischen Frauen, die sich schüchtern im Halbkreis aufgestellt haben, in ihrer Muttersprache begrüßte, kannte ihre Freude keine Grenzen. Ich wurde mit Fragen überschüttet, die ich kaum beantworten konnte.



Sowohl die Fragen dieser Frauen, die noch nie in ihrem Leben vom Barefooting etwas gehört hatten, als auch meine Antworten waren ziemlich banal, sodass es keinen Sinn macht, den Inhalt dieses Gesprächs wiederzugeben. Da alle beschuht waren, hat die Kamera in meiner Tasche geruht.
Besonders viele Fragen stellte die große und schlanke schwarzhaarige Switlana aus Kiew (ganz rechts auf dem letzten Foto), die mir als die sportlichste unter den Anwesenden erschien. Als ich ihr Interesse sah, fragte ich sie, ob sie schon einmal Sport gemacht hätte. Es stellte sich heraus, dass sie sich für Laufsport noch in der Schule begeisterte. Nach dem Schulabschluss hörte sie aber mit dem Sport auf. Wisst ihr, Familie, Arbeit ... Könnt ihr euch vorstellen, dass diese blühende Frau 40 Jahre alt und dreifache Mutter ist? Switlana hat in Kiew ein Wirtschaftsstudium absolviert und viele Jahre beim dortigen Finanzamt gearbeitet. Hier in Deutschland träumt sie davon, ihre Qualifikation als Buchhalterin zu verbessern und einen richtigen Job in diesem Bereich zu finden, was meiner Meinung nach durchaus möglich ist, denn sie, wie ihr euch später vergewissern könnt, über genügend Entschlossenheit, Willenskraft und Ausdauer verfügt.

Nach Rücksprache mit mir, ob es draußen vielleicht sehr kalt ist (ich habe Switlana versichert, dass die um diese Tageszeit schon recht hoch stehende Sonne den Asphalt schnell aufwärmt, dass wir die wärmere im Vergleich zum Bürgersteig Fahrbahn entlang laufen werden und dass sie, falls sie an schattigen, noch nicht richtig aufgewärmten nach der nächtlichen +8 Grad Stellen Kälte spüren würde, jederzeit an sonnige Stellen ausweichen könnte), bückte sich Switlana und begann, die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe zu lösen, die Socken auszuziehen, und in einem Augenblick steht sie schon barfuß auf dem Hotelboden, mit den Turnschuhen in der Hand.

Da rief Elen alle nach draußen zum Banner, um ein paar Worte über die Geschichte des Vereins „Tarahumara-Fans“ und den Zweck des heutigen Laufs zu sagen (und der war: Spenden zu sammeln, um die Tropenwälder, die für die Wasserbalance auf dem ganzen Planeten sehr wichtig sind, in einer Region im Westen Brasiliens, wo ein indianisches Volk lebt, vor der Abholzung zu retten, wobei die Höhe der Spenden von der Anzahl der Teilnehmer abhängt). Sie sagte kein einziges Mal „Indianer“, immer nur „indigene Leute“, was ich den Ukrainern extra erklären musste.

Vor dem Hotel gab es in der Tat keine sonnigen Stellen, da die Sonne aus einer ganz anderen Richtung schien, aber Switlana fiel nicht einmal ein, sie zu suchen. Sie trat einige Zeit zögernd von einem Fuß auf den anderen und... stellte fest, dass diese Morgenfrische unter nackten Füßen gar nicht unangenehm ist.
In diesen wenigen Sekunden, in denen alle, die sich vor dem Hotel versammelt hatten, auf Elen warteten, zog plötzlich noch eine bezaubernde Frau ihre Schuhe aus. Ich habe drei Bilder in Folge gemacht, die die einzelnen Phasen dieses Prozesses darstellen.







Galina stellte mir über das Barfußlaufen keine Fragen, sie machte es einfach. Wie sich herausstellte, hatte Galina schon mit einer Freundin vereinbart, dass sie bei ihr die Turnschuhe verstecken würde, bis sie, Galina, vom Lauf zurückkommt. Die spontanere Switlana sprach mit niemandem ab und so wurde ihr kurz vor dem Start klar, dass ihre Turnschuhe sie beim Laufen stören würden. Zum Glück war ich da in der Nähe. Ich nahm ihr die Schuhe ab und bat Elen, schnell das Zimmer wieder zu öffnen, wo wir alle, die nicht im Hotel wohnen, die mitgenommenen Sachen zurückgelassen hatten.



Wir liefen durch die ruhigen Straßen des im frühen 19. Jahrhundert außerhalb der gerade abgerissenen Stadtmauer erbauten Stadtteils Westend, der ein wenig an Odessa erinnert, das im gleichen Zeitraum entstand. Viele Menschen, denen wir begegneten, lächelten uns an, winkten uns zu und riefen ermutigend so etwas wie „Gut gemacht! Toll!“ Die Anwesenheit von sechs barfüßigen Läufern (Elen, Robert, Mayo, zwei ukrainischen Frauen sowie meine Wenigkeit) war ja ein außergewöhnliches Ereignis. So etwas hat das gemütliche Westend noch nie gesehen.





Es war ziemlich schwierig, im Laufen zu fotografieren, und ich habe während dieser Zeit keine Fotos geschossen, auf die ich stolz sein könnte, aber auch Kathrin (auf dem Bild unten die erste von links),



die mit der Aufgabe einer offiziellen Fotoreporterin betraut war und deshalb in Turnschuhen lief, obwohl sie zum Laufen normalerweise ihre Schuhe auszieht, hatte es nicht leicht. Ich bin sehr froh, dass einige meiner Bilder den „Tarahumara Fans“ für ihren öffentlichen Bericht über die Veranstaltung trotzdem genützt haben, zum Beispiel diese hier.







Als wir die gesamte geplante Strecke von 2,1 km absolviert haben, verkündete Switlana unerwartet, dass ihr das nicht reichte, dass sie Lust hätte, noch mehr zu laufen! Nun, stimmte Elen zu, lasst uns noch eine Runde machen. Merkwürdig ist (oder, richtiger, nichts zu wundern), dass gerade eine barfüßige Teilnehmerin die Belastung verdoppeln wollte, denn für diejenigen, die in Schuhen liefen, war es doppelt so schwer, die Beine zu heben. Mir scheint, wir haben gerade zu diesem Zeitpunkt den einzigen männlichen Flüchtling Ruslan verloren, der sich für den Lauf angemeldet hatte. Obwohl unsere Reihen insgesamt dünner wurden, weigerte sich immerhin keiner der Barfüßigen, die zweite Runde zu machen.

Vorgreifend möchte ich sagen, dass meine Landsmänninnen im späteren Briefwechsel mit mir über die durch den Lauf verursachten Schmerzen klagten, und zwar nicht in den Füßen, sondern in den Beinen, im Knöchelbereich, wo die Füße in die Waden übergehen. Ich habe ihnen erklärt, dass es bei fehlender Gewohnheit völlig normal ist. Außerdem hat sich Switlana die Haut am rechten großen Zeh am Asphalt abgeschürft.
Aus diesem Grund kamen die Ukrainerinnen nicht zum Training im Grüneburgpark, zu dem Elen sie ausdrücklich eingeladen hat und sogar extra zum Hotel erschien, um ihnen den Weg zu zeigen. Doch eine Woche darauf, den 9. Mai, fanden Galina und Switlana trotz des Regens selbst den Weg zum Grüneburgpark und trainierten dort alleine, allerdings in Schuhen. Es gab doch niemanden, der den Ukrainerinnen sagen konnte, dass es eben bei Regenwetter leichter ist, barfuß zu laufen, weil kleine Kieselsteine in den aufgeweichten Boden gedrückt werden und nicht so stark in die Fußsohlen beißen.

Ich selbst habe bis jetzt auf diese Trainingsläufe verzichtet, weil ich erst um Viertel nach fünf mit der Arbeit fertig bin und mich so müde fühle, dass ich an nichts Spaß haben kann. Ich muss erst mal nach Hause, um mich umzuziehen und etwas zu essen, und dann ist der Lauf schon vorbei. Ich habe mir vorgenommen, an einem freien Tag (ich habe immer montags frei) im Hotel „Savigny“ vorbeizuschauen, um mit meinen Landsfrauen einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Allerdings riskiere ich dabei, Elen zu schaden, denn die Frauen müssen ihre Kräfte für das Training im Grüneburgpark behalten. Na ja...

Tatsächlich habe ich bisher nach diesem großen Lauf die beiden Frauen gleichzeitig nur einmal, am 10. Mai, getroffen (Switlana hat Ende Mai an meiner Führung durch das Jüdische Museum teilgenommen, und Galina, die ich danach mehrmals in der Stadt traf, erwarte ich dort heute - Z., 29.10.23). Während Switlana und Galina in die Lektüre meines Berichts vertieft waren,





entledigte sich die 39-jährige Ilona aus Winniza, die am 30. April in Turnschuhen lief, sich aber sonst sehr aktiv an der Veranstaltung beteiligte, ihrer Pantoletten und demonstrierte gleich im Foyer, was sie als Barfußmodel alles anbieten kann.







Anschließend habe ich einen kurzen improvisierten Vortrag über die Vorteile des Barfußlaufens und die Vorbeugung von Fehlentwicklungen des Längsgewölbes und des Quergewölbes abgehalten, dessen Thesen ich an Switlanas nackten Füßen veranschaulichte. Der natürlichen Federung ihrer Füße, die nur beim Ballengang zum Einsatz kommt und in Schuhen gar nicht möglich ist, habe ich die künstliche Stoßdämpfung durch dicke Sohlen und eventuell Schuheinlagen meiner zu diesem Zeitpunkt wegen der Uniform beschuhten Füße gegenübergestellt.

Switlana erlaubte mir leider nicht, diese Episoden zu filmen, da sie sich ihrer Wunde am großen Zeh schämte, die allerdings zu diesem Zeitpunkt fast vollständig verheilt war und schon lange nicht mehr schmerzte. „Es ist noch Glück, dass ich zeitlich nicht geschafft habe, vor dem Lauf Pediküre machen zu lassen. Sonst wäre die Haut an den Sohlen wahrscheinlich bis aufs Blut abgeschürft“, freute sich die Frau. „Wenn Sie regelmäßig barfuß laufen, brauchen Sie bald überhaupt keine Pediküre, da Asphalt ein natürliches Peeling ist“, entgegnete ich.
Und jetzt zurück zum 30. April und der ersten Runde (in der zweiten habe ich mich hauptsächlich mit Kathrin unterhalten, die mich offenbar besser kennenlernen wollte). Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man beim Laufen, wenn das Tempo nicht zu hoch ist, sogar reden kann.
Als ich Galina eingeholt hatte, ermutigte ich sie zu einem Gespräch über ihre Vergangenheit. Sie stammt aus der Region Winniza, aus dem ehemaligen Bezirk Oratiw, der nach der administrativ-territorialen Reform von 2020 Teil des Bezirkes Winniza wurde. Auf der Arbeitssuche kam sie mit 17 nach Kiew. Ich habe nicht gefragt, wie alt Galina sei, aber ich ging bis jetzt davon aus, dass sie in den 70ern geboren wurde und ihr Schulabschluss in die hungrigen 90er fiel. Es stellte sich heraus, dass ich um ganze zehn Jahre falsch lag!
Später irrte sich Galina auch, als ich sie aufforderte, mein Alter zu schätzen, aber in einer anderen Richtung. Offensichtlich aus großem Respekt schrieb sie mir einige zusätzliche Jahre zu. In der Tat sind wir fast gleich alt, Galina ist nur ein Jahr jünger als ich.
All diese Jahre, seit dem Umzug nach Kiew, arbeitete sie ununterbrochen als einfache Arbeiterin. Sie kam im März 2022 nach Deutschland mit ihrer erwachsenen Tochter Irina, deren stark trinkenden Vater sie losgeworden war, als Irina noch 16 Jahre alt war, und der elfjährigen Enkelin Slata-Maria, die ebenfalls ohne Vater aufwuchs, da ihre Eltern, wie man in Deutschland sagt, sich auseinandergelebt haben.
Im August, als die Situation an der Front sich zu verbessern begann und die unmittelbare Gefahr für Kiew vorüber war, nahm Irina ihre Enkelin mit und kehrte nach Hause zurück. „Ich kann meine Kinder nicht verlassen“, wiederholte sie hartnäckig und ... weigerte sich, Deutsch zu lernen. Irina, die als Grundschullehrerin in einer der jüdischen Schulen in Kiew arbeitet (mit einem Kindergarten kombiniert, in den auch Slata-Maria ging, weswegen sie immer noch ein paar israelische Lieder singen und ein paar Sätze auf Hebräisch sagen kann), hat während aller diesen fünf Monate, die sie in Deutschland verbrachte, nicht mal für einen Tag aufgehört, mit ihren Zöglingen zu kommunizieren, sie moralisch zu unterstützen und sie online zu unterrichten.
Trotz Irinas mangelnder Deutschkenntnisse war man schon bereit, sie an der örtlichen jüdischen Schule einzustellen, wo etwa die Hälfte der Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion stammt und mit denen man Russisch sprechen kann, das hatte jedoch keinen Einfluss auf Irinas Entscheidung, in ihr Heimatland zurückzukehren. Hängt es nur mit der Arbeit zusammen? Wer weiß... Jedenfalls hat Irina diesen Schritt bisher nicht bereut: „Herzlichen Dank an Deutschland, aber was passiert mit der Ukraine, wenn alle gleichzeitig auswandern?“
Bemerkenswert ist, dass man bei Slata-Maria, die sich immer gerne Sport, insbesondere den Laufsport, getrieben hat, vor Kurzem ein Talent zu ... Baseball entdeckt. Galina zeigte mir ein Foto der Enkelin mit einer Baseballkappe und einer Medaille auf der Brust, die sie mit ihrem Team gewonnen hat. Genauso sportbegeistert wie ihre Großmutter... Galina hat beschlossen, alles Mögliche zu tun, damit „ihre Enkelin einen Ort hat, an den sie kommen kann“, falls sie sich entscheidet, ihre Zukunft mit Deutschland zu verbinden, und dafür muss die Großmutter Galina zunächst gut Deutsch beherrschen und eine Arbeit finden. Ich zeigte mich zuversichtlich, dass sie ihr Ziel erreichen würde, und riet ihr, nicht aufzugeben.
Ohne jeglichen Zusammenhang mit diesem Gespräch erzählte mir Galina, dass sie schon immer gerne barfuß gelaufen sei. Dort, wo sie lebte, war es üblich, dass die Kinder im Sommer barfuß liefen. Ich erinnere mich, wie ich, ein in Großstädten aufgewachsener Junge, im Alter von sechs Jahren die Landkinder zum ersten Mal im Leben gesehen habe und wie stark ich sie darum beneidete, dass ihre Eltern auf sie nicht zu achten schienen und nach ihrer Herzenslust krank sein ließen, und insbesondere dass sie mit Schnupfen, sogar mit grünem Rotz, nicht sofort ins Bett mussten, sondern weiter, oft auch barfuß, spielen durften.
Ich stellte mir deutlich unter diesen süßen Mädchengesichtern das der kleinen Galina vor... Aber nein, das ist nur Einbildung, Galina konnte nicht unter ihnen sein, denn das Dorf Kurortne, wohin meine Mutter, Kinderärztin von Beruf, für den Sommer mich mitnahm, um im nahegelegenen Kurheim „Primorskyj“ zu arbeiten, sich woanders befindet – nicht in Winniza Region, sondern in der Nähe von Odessa... Wenn Galina, bereits erwachsen, ihre (leider ebenfalls verstorbene) Mutter besuchte, freute sie sich immer, ihre Schuhe endlich ausziehen und barfuß laufen zu können. Sie tat das nicht nur in ihrem Garten, sondern überall im Dorf, sodass sich ihre Mutter sogar für sie schämte und mit ihr schimpfte – die Nachbarn konnten doch meinen, dass die Tochter in der Großstadt so wenig verdient, dass sie sich ein paar Schuhe nicht leisten kann. Doch Galina reagierte nicht auf das Meckern ihrer Mutter und lief weiter barfuß. „Ja, selbst jetzt, wenn ich ins Dorf komme, ist es, als würde ich die Fesseln loswerden“, vertraute mir Galina ihr Geheimnis an.
Switlana wollte genauso wie Galina nach ihrem Schulabschluss in Kiew Fuß fassen und musste ebenso hart dafür arbeiten. Ihr Vater kaufte ihr erst eine Wohnung, als sie an der Nationalen Vadim-Hetman-Wirtschaftsuniversität schon lang studierte und stabile gute Leistungen zeigte. Obwohl sie zum Unterschied von Galina in keinem Dorf aufwuchs, sondern in einem kleinen alten historischen Städtchen Pirjatin (15.000 Einwohner) in der Region Poltawa, erinnert sie sich auch mit Freude daran, wie sie im Sommer gerne barfuß durch die Pfützen lief, wie sie barfuß tanzte, während Papa Akkordeon spielte, und wie sie mit anderen Kindern waghalsig barfuß Bäume und Zäune kletterte, um den aus den Stämmen heraustretenden Harz zu lecken, den man „Kleber“ nannten – Kirschenkleber, Aprikosenkleber... Das Beispiel dieser beiden Frauen zeigt, wie oft Menschen innerlich zum Barfußlaufen bereit sind, so dass man sie nur aufwecken muss.
Als ich Galina bat, mir ihre Eindrücke vom Barfußlauf zu schildern, war sie voller Begeisterung. Für sie selbst war es eine Überraschung, wie mühelos sie diese 4,2 km zurücklegte – keine Atemnot, kein Unbehagen. „Ich genieße, genieße“, wiederholte sie mehrmals.
Leider bildete sich Galina ein, dass es im Innenhof des Hotels, den wir Garten nannten, möglicherweise zu kalt sein könnte. Oder vielleicht wollte sie ihre Freundin, die ihre Turnschuhe sorgfältig aufbewahrte, nicht weiter zu belasten? Wie dem auch sei sieht man sie von dem Moment an, in dem sie den Hof betrat, beschuht. Elen zog auch ihre Flossen an (ich kann mir kein anderes Wort für diese „Schuhe“ finden, die mehr für eine Zirkusvorstellung geeignet sind als für tagtägliches Tragen). Finanziert etwa die Firma, die diese Schuhe herstellt, Elens Veranstaltungen? Wenn ja, gönne ich es ihr und ihrem Projekt aufrichtig, obwohl ich weiß, dass diese Frau, soweit ich sie kenne, vom körperlichen Standpunkt in jeder Situation darauf leicht verzichten kann... Von den Frauen blieb nur Switlana die gesamten zweieinhalb Stunden barfuß, obwohl sie die Wahl hatte, denn ihre Turnschuhe befanden sich die ganze Zeit in dem Raum, durch den wir in den Hof und aus dem Hof gingen. Außerdem war Switlana barfuß im Foyer, als sie mir ein Glas Kaffee aus dem Automaten holte. Ganz verständlich habe ich hauptsächlich sie fotografiert, obwohl meiner Meinung nach Mayo mit seiner bunten Kleidung keinen kleineren Blickfang darstellte, besonders im Kontrast mit dem hübschen, aber hoffnungslos beschuhter Kathrin.



Während ich Elen dabei half, den Ukrainern zu erklären, wie die Verlosung des 50-Euro-Preises unter den Teilnehmern der Veranstaltung ablaufen wird, ging mein Smartphone von Hand zu Hand, sodass diese Episode mehrmals im Bild festgehalten wurde.








Zur Freude aller Teilnehmer war es eine Win-Win-Lotterie. Arischa, die jüngste Tochter von Ilona, gewann den Hauptpreis, und ein anderes Mädchen, die Tochter von Julia aus Lwiw, bekam ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Tarahumara Fans“ (Elen ist wahnsinnig stolz darauf, dass der Stoff, aus dem es gefertigt ist, vollständig als Kompost entsorgt werden kann, ohne der Umwelt auch im geringsten zu schaden, und betont es bei jedem Treffen). Alle anderen erhielten jeweils 10 Euro. Auf dem Bild unten sieht man die 10-Euro-Scheine in den Händen der damit beglückten Frauen.



Von jemandem wurden unmittelbar nach dem Lauf zwei gemeinsame Fotos gemacht, wo von links nach rechts folgende Personen abgebildet sind: Elen Machado, dann eine ukrainische Läuferin, deren Namen ich bis jetzt nicht weiß, Robert, meine Wenigkeit, Switlana, Galina, die jüngste Läuferin (Tochter von Julia), ihre Mutter aus Lwiw, Mayo, Arischa, Ilona.





Ich habe den ukrainischen Frauen erklärt, dass ich normalerweise mehrmals auf den Auslöser drücke und dann die besten Aufnahmen auswähle. Und dass sie überhaupt nicht posieren sollen, sondern weiterhin ihren Beschäftigungen nachgehen können und mir keine Aufmerksamkeit schenken müssen. Nun, was für Beschäftigungen? Man sieht auf den Bildern Episoden der Turnübungen von Switlana und Galina, an denen die Kinder ab und zu gerne teilnahmen, des Tischfußballspiels, unseres Imbisses im Hof...














Mir schmeichelt, dass Elen, die mich zu Recht ihren Zögling nennt, in Betracht meiner aktuellen Leistungen ernsthaft über meine Kandidatur nachdenkt, nicht nur als Trainer im Barfußlauf (passende Kleidung habe ich schon, oder? Es fehlt nur noch eine Trillerpfeife...),



sondern auch für die Teilnahme am Herbstmarathon, der in diesem Jahr am 29. Oktober stattfindet. Sobald ich 5 km geschafft habe, kann ich versuchen, im Staffel eine Teilstrecke von 6–7 km zurückzulegen, meint Elen. Allerdings wäre es für sie natürlich sehr wünschenswert, noch ein paar Läufer aus der ukrainischen Gruppe auf den Marathon vorzubereiten. Mal sehen...

15. Juni 2023

Im dritten Anlauf habe ich endlich die Menschen getroffen, die ich schon längst hätte treffen sollen und die es verdienen, meine Frankfurter Helden genannt zu werden. Zuerst kam ich im Mai an einem Dienstag nach der Arbeit an den Ort, an dem ich intuitiv den Treffpunkt von den Barfußläufern erriet. Meine Landsmänninnen kamen, gleich nachdem ich gegangen war, und sind ja ein paar Runden gelaufen, allerdings leider in Schuhen. Elen kam angeblich wegen einer starken Erkältung an diesem Tag nicht. Für Juni habe ich mir im Museum alle Dienstage freigenommen. Die vagen Wegbeschreibungen von Elen, die ihre Abwesenheit diesmal mit einem Urlaub in Italien begründete, führten mich vor einer Woche zu einem besonders üppigen Baum direkt an einem Spielplatz.



Unweit von dieser Stelle gelang es mir, eine junge Dame zu überreden, ein paar Fotos für unser Forum zu machen. Sie hatte sich ihrer Schuhe entledigt, sobald sie den Rasen erreicht hatte und vom Fahrrad abgestiegen war.





Zu meiner Enttäuschung habe ich aber im Park keine barfüßigen Läufer gefunden. Alle zahlreichen Läufer, denen ich an diesem Tag begegnete, trugen Schuhe. Letztendlich beschlossen Еlen und ich, dass sie meine Telefonnummer an ein Pärchen Barfußläufer weitergibt, das jeden Dienstag in Grüneburgpark trainiert (während die restlichen Mitglieder des Clubs eher unregelmäßig laufen), damit diese mich anrufen, sobald sie im Park sind, so dass ich niemanden suchen muss und ordentlich am Training teilnehmen kann.
Da mir keine weiteren Anweisungen gegeben wurden, fand mich der Anruf an dem oben genannten üppigen Baum, der sich, wie sich herausstellte, gerade auf der gegenüberliegenden Seite des Parks befand. Glücklicherweise muss ein barfüßiger Mensch nicht unbedingt auf den Wegen laufen und kann die Rasenflächen betreten, was meinen Weg deutlich verkürzt hat.
(Da die Läufer den Wunsch geäußert haben, dass ich nicht zu privat über sie schreibe, und auf die Veröffentlichung von den an diesem Tag aufgenommenen zahlreichen schönen Fotos verzichtet haben, werde ich gleich zum letzten Teil dieses Beitrags übergehen.)
...Es stellte sich heraus, dass sie hier im Park sowohl im Sommer als auch im Winter barfuß trainieren. Selbst bei minus eins sind sie einmal gelaufen, aber nur eine Runde: „Um Erfrierungen zu vermeiden, soll man vor allem in Bewegung sein.“ Sieben Jahre lang habe ich ein paar Straßen von hier entfernt sonntags Zeitungen barfuß ausgetragen, auch bei null und minus eins,







und diese beiden haben zwei Tage später, dienstags, unter denselben Wetterbedingungen und ebenso barfuß ihre Runden im Park gemacht. Ein wenig, wirklich nur ein wenig außer Atem vom Laufen (im Gegensatz zu mir, der ganz außer Atem war), hat der junge Mann vor, irgendwann einen Halbmarathon zu laufen, und für die junge Dame scheint es überhaupt keine Hindernisse zu geben. Mir kam es immer so vor, als ob sie sich nur für uns zurückhielt und viel langsamer lief, als sie konnte. Wenn man sie loslassen würde, würde sie wie ein Reh („Ich habe eine dicke Hornhautschicht“, „Ich habe Hufe, keine Füße“) um die ganze Welt laufen. Manchmal machen die beiden sogar Barfußwanderungen, erzählte sie mir stolz. Doch deren höchste Leistung war die Barfußbesteigung des höchsten Gipfels des lokalen Gebirges Taunus, des Altkönigs (798 m). Die Leistungen von diesem Paar sind also durchaus beeindruckend und unumstritten. Es fehlt nur eine, die ich empfohlen habe, sofort zu erbringen, noch bevor sie sich ihre Turnschuhe anzogen – diese einfach für immer an der Thuja hängen zu lassen, in deren Nähe sie sich dienstags mit anderen Läufern aus dem „Tarahumara Fans“-Club treffen.



22. Juni 2023

Hier ist sie also, die echte Elen - im Grüneburgpark! Ich habe das sportbegeisterte Paar zum ersten Mal in ihrem Element gesehen. Das Gespräch mit Elen und Robert hat mich so mitgerissen, dass ich aufgehört habe, die Runden zu zählen. Elen versicherte mir, dass es drei waren. Und ich war noch lange nicht am Ende meiner Kräfte. Sechs Kilometer reichen für eine Etappe der Staffel, zumal man dort auf glattem Asphalt laufen soll. Ich sagte Elen, dass sie auf mich als Teilnehmer der Staffel am 29. Oktober zählen könne, aber nicht als Dolmetscher beim nächsten gemeinsamen Lauf mit ukrainischen Flüchtlingen, da ich den ganzen Juli in Israel verbringen möchte. Zwar blieb, aufgrund von mehreren Missverständnissen (Elen konnte doch noch bis jetzt kein einziges gemeinsames Training im Park mit den Ukrainerinnen durchführen), die Frage offen, ob die Flüchtlinge selbst zu dem Treffen mit den Flüchtlingen kommen würden, aber Elen versicherte uns allen: wenn man einen genauso reichen und leckeren Imbiss wie letztes Mal organisiert, kommen sie bestimmt!

8. August 2023

„Vielen Dank für die interessante Stadtführung. Ich fühlte mich barfuß unendlich frei“, schrieb mir Galina gestern Abend nach einem zweistündigen Spaziergang durch die Frankfurter Innenstadt. Dabei hätte das für August untypische Wetter (Regen und ein Tageshöchstwert von +19) unsere Pläne fast zunichte gemacht. Mein Argument, dass niemand am Strand bei dieser Temperatur daran zweifelt, ob es möglich ist, barfuß zu laufen und die Füße ins Wasser zu tauchen, und natürlich das persönliche Beispiel hatten aber ihre Wirkung, sodass die Turnschuhe, die Galina am Anfang trug, sich in dieser zufällig gefundenen gelben Tasche landeten und die ganzen zwei Stunden dort lagen.

Wir gingen etwa zwei Kilometer vom Hotel Savigny zum Jüdischen Museum, das an diesem Tag geschlossen war, dann saßen wir im öffentlichen Museumshof und auf dem angrenzenden Platz und unterhielten uns über alles Mögliche.











Wir sind unter anderem ins Gespräch mit zwei vorbeigehenden deutschen Frauen gekommen, die sich am Ende als zwei Kroatinnen entpuppten.



Wir sprachen drei Sprachen gleichzeitig: Ukrainisch, Kroatisch und Deutsch. Obwohl in Jugoslawien im Gegensatz zu anderen sozialistischen Ländern weder Russisch noch selbstverständlich Ukrainisch nicht in der Schule unterrichtet wurden, verstanden Schanna und Ankiza fast alles, was Galina in ihrer Muttersprache sagte, wenn ihr Deutsch nicht ausreichte, und unterbrachen mich oft, wenn ich begann ihre Worte zu übersetzen. Das lag wahrscheinlich nicht so sehr an der Nähe der Sprachen, sondern an der Ähnlichkeit des Schicksals. Schließlich haben auch die Kroaten sehr darunter gelitten, dass manche in den zerfallenden Föderationen, in denen alle gleich zu sein scheinen, durchaus „gleicher“ sein wollen als andere...

Es hat nicht geklappt, wie Schanna sich auch bemüht hat, dass ich genauso gut wie Galina auf meinem gemeinsamen mit ihr rüberkomme, aber da ist nichts mehr zu ändern:



An diesem Tag war Galina mit noch einem Mann verabredet (auf dem Foto unten telefoniert sie gerade mit ihm),



und nachdem sie das Gespräch beendet hatte, beeilte sie sich, ihren Fußsohlen zu säubern und ihre Schuhe anzuziehen (denn wie konnte sie barfuß zu ihm kommen?), aber ich überredete sie abzuwarten, weil es auf unserem Rückweg noch mehrere Bänke gibt. Das hat dazu geführt, dass Galina ihre erste Barfußfahrt mit der Straßenbahn unternahm (nicht ohne Angst, dass ihr auf den Fuß getreten werden könnte, aber am Ende war sie überzeugt, dass ein solches Ereignis genauso wahrscheinlich ist wie ein Ziegelstein, der ihr am helllichten Tag auf den Kopf fallen würde).



Und danach, ohne sich mehr an die Schuhe zu denken, sondern nur daran, nicht zu spät zum Date zu kommen, raste sie mit solcher Geschwindigkeit die Kaiserstraße entlang, dass es keine Möglichkeit gab, sie zu fotografieren, und blieb barfuß, bis sie außer Sichtweite war. So erschien sie wohl auch vor ihrem Bekannten, denn in diesem Abschnitt der Kaiserstraße gibt es in der Tat keine Bänke. Aber ob es wirklich so war, werden wir nie erfahren, denn auf meine direkte Frage, wann sie endlich ihre Schuhe angezogen habe, antwortete Galina mit einem nicht der Frage entsprechenden, aber durchaus angenehmen für mich Satz: „Barfuß war es besser.“

9. September 2023

Eine der Sehenswürdigkeiten des Frankfurter Anlagenrings ist ein Denkmal für den Erfinder des Telefons, Philipp Reis (1834-1874), der in Gelnhausen bei Frankfurt geboren wurde und den größten Teil seines Lebens in einem anderen Frankfurter Vorort, Friedrichsdorf, verbrachte. Ja, ja, das allererste Telefongespräch weltweit fand am 26. Oktober 1861 in Frankfurt auf einer Versammlung des Frankfurter Physikalischen Verein statt. Die Geschichte schweigt darüber, ob diese beiden durch eine Wand getrennten Männer mit primitiven Telefonen in der Hand, in deren Begleitung ich Galina letzten Montag fotografierte, wirklich nackt waren. Und warum nicht? Sie konnten sich ja durch die Wand nicht sehen und es gab also niemanden, für den sie sich schämen mussten.



Und die nächste Attraktion auf unserem Weg war der Skulpturenpark. Ich ließ es mir nicht nehmen, ein Foto von Galina neben Betty zu machen, über deren kurvenreiche Figur Galina meinte, dass sie eindeutig keine typische deutsche Frau darstellt. Mir ist zwar noch nie eingefallen, die deutschen Frauen mit meinen Landsmänninnen unter dem Standpunkt Schlankheit zu vergleichen, aber ein frischer Blick ist wahrscheinlich am richtigsten.



Wir haben sechs aus sieben Anlagen zurückgelegt, aus denen der zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Stelle der drei Jahrhunderte zuvor errichteten Stadtmauer entstandene, das historische Zentrum Frankfurts umgebende und auf beiden Seiten am Main endende Anlagenring besteht: Untermainanlage, Gallusanlage, Taunusanlage, Bockenheimer Anlage, Eschenheimer Anlage, Friedberger Anlage, insgesamt vier Kilometer aus fünf.










Da es schon spät war, beendeten wir unseren Spaziergang dort, wo der Anlagenring die Straßenbahnlinie überkreuzt, also noch bevor wir etwa einen Kilometer lange Obermainanlage betraten.





Unterwegs schlug ich mehrmals vor, auf Gras oder zumindest auf die für Radfahrer ausgelegten Pflastersteine auszuweichen, aber Galina zog es vor, den Fußweg entlang zu laufen und von den spitzen Kieselsteinen beißen zu lassen, was sie als Fußsohlenmassage betrachtete. Also gingen wir vier Kilometer zu Fuß und lenkten uns von den Schmerzen ab, indem wir komplizierte Fragen der deutschen Grammatik besprachen. Die vorherige spontane Deutschstunde fand vor einer Woche im Grüneburgpark statt, wo die Steine noch pieksiger waren.







Ich bin mir sicher, dass Galina für den Rest ihres Lebens das Adjektiv „pieksig“ und das wegen seiner ungeregelten Rechtschreibung in Wörterbüchern fehlende Verb „pieksen“, von dem es stammt, behalten wird. Aber damals haben wir nur eine Runde um den Park gemacht (2 km) gemacht, und jetzt sind wir doppelt so viel gelaufen. Nur einmal, als wir den letzten von sechs Anlagen entlang gingen, bemerkte Galina, dass die Fußsohlenmassage ziemlich stark war. Ich weiß nicht, ob das als Beschwerde betrachtet werden kann, aber Galina setzte ihren Weg mutig fort und erreichte, glaube ich, nicht einmal die Hälfte ihrer Ausdauergrenze.

Galina läuft eigentich in Turnschuhen im Grüneburgpark (genauso wie, dem „offiziellen“ Foto nach zu urteilen, bei dem Lauf, das ich im Juli verpasst habe, an dem, sie, glauben Sie mir, nicht wegen der versprochenen Bonbons und Kekse teilnahm), aber bei jedem Training zieht sie für mindestens fünfzehn Minuten ihre Schuhe aus, um barfuß über das taufrische Gras zu laufen.





„Aber bald kommt die Kälte“, seufzte Galina, als sie darüber berichtete, „und alle Menschen werden letztendlich ihre Schuhe anziehen müssen“ (als ob sie sowieso nicht das ganze Jahr über Schuhe tragen würden). Wir müssen aber nicht Galina unbedingt in diese gehorsame Mehrheit, die unfähig ist, kritisch zu denken, einordnen. In letzter Zeit ist diese Frau davon überzeugt, dass sie sich sowohl körperlich als auch psychisch viel mehr leisten kann, als sie früher dachte, und so hoffe ich auf eine erfolgreiche Fortsetzung ihres Gesundheitsexperiments und damit auch auf meine weiteren Treffen mit ihr in der einen oder anderen Form.

17. September 2023

Ich habe gerade vorgehabt, zusammen mit der charmanten Brasilianerin Alessandra Pontes und ihrem Freund in Begleitung von Volksinstrumenten, die bei den brasilianischen Indianern beliebt sind, ein Lied zu singen, wie Elen mir den Lautsprecher entriss und, auf einem Stuhl stehend, noch einmal über die Rettung brasilianischer Wälder durch Barfußlaufen zu sprechen begann, wodurch die Anwesenden verschont wurden, mir beim Singen zuzuhören (wer mich singen einmal hörte, versteht, was ich meine).



Aber warum soll man sich nur auf die Wälder Brasiliens beschränken? Die Tropenwälder im benachbarten Paraguay sind genauso wichtig für die Wasserbalance auf unserem Planeten. Ihr werdet es vielleicht nicht glauben, aber ich habe eine andere Dame, Elens Namensschwester, die ursprünglich aus Russland stammende Juristin und Künstlerin, die seit drei Jahren in Paraguay lebt und nach Frankfurt kam, um genau für diesen Zweck Spenden zu sammeln, überredet, sich für die bevorstehende Veranstaltung der Tarahumara Fans, anzumelden. Ich bin ihr am Abend des 15. September begegnet, als ich die Gegend um den zukünftigen Treffpunkt der Läufer erkundete. Alles begann damit, dass Elena, die in der Nähe des Scandic Hotels, in dem sie wohnte, spazieren ging, eine neugierige Frage zu meinem Barfußlaufen stellte, und endete mit einem kleinen Fotoshooting im Hafenpark, der 2015 neben dem gleichzeitig errichteten neuen Gebäude der Europäischen Zentralbank angelegt wurde.











Elena war dreißig Jahre lang nicht mehr barfuß gelaufen, seit ihrer Kindheit, in der sie ziemlich oft barfuß war, weil sie ihre Ferien hauptsächlich bei ihrer Großmutter in einem Dorf in der Region Tscheljabinsk verbrachte. Dort lief sie gerne mit anderen Kindern ohne Schuhe, auch durch Tannenzapfen. Es war lustig zu beobachten, wie Elena nach und nach zu vergessenen, aber nicht völlig verlorenen Empfindungen und Fähigkeiten zurückkehrte. Als Elena nach etwa einer Stunde Spaziergang auf ihren von den Kieselsteinen vollstrapazierten Fußsohlen ins Hotel zurückkehrte, hörte sie nicht auf mir zu danken für das Vergnügen, das sie heute hatte. Obwohl sie aus objektiven Gründen nicht am Lauf teilnehmen konnte, hoffe ich, dass dies nicht ihr letzter Besuch in Frankfurt war und wir uns eines Tages wiedersehen.

Statt mit Alessandra Pontes und ihrem Freund zusammen ein Lied zu singen, stellte ich diesen netten Leuten die Frage, die mich schon lange interessierte, ob sie echte Indianer seien. „Nein, ich komme aus Sao Paulo und mein Freund kommt aus Rio de Janeiro“, antwortete Alessandra gerne, aber ein wenig daneben auf diese Frage. Ist auch egal! Schließlich wurden wir alle, die die obligatorischen 4,5 km gelaufen sind (und insbesondere die, die durch eine weitere Runde dieses Ergebnis auch noch verdoppelt haben) und als Erinnerungsstück eine handgefertigte Halskette aus dem Amazonasgebiet erhalten haben, in die Indianer eingeweiht.





Und ich beschloss, jedem, der mich in der Straßenbahn oder auf der Straße fragt, was für ein Schmuck ich um den Hals trage und ob ich ein echter Indianer bin, stolz zu antworten: „Ich komme aus Odessa!“

Auf den beiden „offiziellen“ Gruppenfotos, die an diesem Tag aufgenommen wurden, bin ich der vierte von links in der ersten Reihe.





Nach diesen Fotos zu urteilen, ist es natürlich schwierig, den Lauf als „barfuß“ zu bezeichnen, genauso wie es schwierig ist, mich Sänger zu nennen. Aber denkt nicht, dass es in Frankfurt keine barfüßigen Kerle gibt, die in der Lage sind, bei brütender Hitze (+28 Grad) 9 km auf einem (im Vergleich zum Grüneburgpark) relativ glatten Feldweg laufen können. Genau das Gegenteil! Ich war gerade ein paar Wochen zuvor einem aus den vier Besten bei kühlem, regnerischem Wetter an einer U-Bahn-Station begegnet und erhielt erst die Erlaubnis, ihn zu fotografieren, nachdem ich feierlich geschworen hatte, die Fotos nicht zu veröffentlichen. Aufgrund einiger Anzeichen erkannte ich, dass die Reaktion der anderen heutigen Helden gleich ausfallen würde, und beschloss, keine Energie dafür zu verschwenden, um die Gruppe der Anführer einzuholen. Auf den „offiziellen“ Fotos fehlen die besten Läufer ohnehin. Das kann kein Zufall sein. Wenn das so weitergeht, wird meine Motivation zum Laufsport unvermeidlich nachlassen und ich werde richtig, richtig faul.


André Uhres Offline

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29.10.2023 15:46
#2 RE: Tagebuch eines faulen Barfußläufers Zitat · Antworten

Zitat
Merkwürdig ist (oder, richtiger, nichts zu wundern), dass gerade eine barfüßige Teilnehmerin die Belastung verdoppeln wollte, denn für diejenigen, die in Schuhen liefen, war es doppelt so schwer, die Beine zu heben.


Der Satz hat es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, glaube ich.
Danke an den "faulen Barfußläufer" für sein tolles Tagebuch!

Liebe Grüße
André


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