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 Barfuß und Leben
Michael aus Zofingen Offline



Beiträge: 593
Punkte: 248

29.12.2011 14:10
Tessin, Centovalli, Brig Zitat · antworten

Nach den 3 Tagen hintereinander „eitel Sonnenschein“ in Zofingen folgte ein nebliger Tag, und ich beschloß, meine noch vorhandene 9-Uhr-Tageskarte, die sonst irgendwann verfallen würde, zu verfahren. Im Schweizer Süden sollte nämlich „bestes Mützenwetter“ sein. Also radelte ich zum Zofinger Bahnhof, bei -0°C (Temperaturanzeige auf dem Dach eines Gebäudes, an das ich an arbeitsfreien Tagen nicht gerne erinnert werden möchte) zwar mit Jacke, aber immerhin in kurzen Hosen und selbstverständlich barfuß (und trotz zu erwartendem „besten Mützenwetter“ ohne Mütze), um um 9.28 Uhr Richtung Süden zu fahren. Etliche Leute standen bereits am Bahnhof, Kinder machten große Glotzaugen. Es ist eigentlich selten, daß ich um diese Uhrzeit am Zofinger Bahnhof in einen Zug steige, meistens fahre ich viel früher, aber mit der 9-Uhr-Tageskarte ist das halt nicht möglich.

Der Zug, der nur bis Luzern fuhr, war ziemlich voll, so daß ich lange brauchte, bis ich einen Sitzplatz fand. Lange deswegen, weil auch andere einen Sitzplatz suchten, und mit Skiern, Snowboards in steifen und voluminösen Schiskuhen nicht allzu wendig waren. Von den Leuten, die bereits saßen, fiel manch ein Blick nach unten. In Luzern wechselte ich in einen ICN in Richtung Lugano. Während dieser Zug einrollte, standen bereits Menschentrauben auf dem Bahnsteig, meist am hinteren Bahnsteigende des Kopfbahnhofs. Also ging ich vorsorglich nach vorne, um dort einzusteigen. Ich fand auch einen Sitzplatz im vordersten Wagen. Hier waren saßen bereits ein Vater und zwei kleine Töchter, die auch im Zug total winterlich vermummt waren und Rodelschlitten dabei hatten. Ein Mädchen sprach: „Wieso ist der Mann blutt?“ Die Antwort der Vaters konnte ich nicht verstehen, da gerade eine Horde lautstarker Jugendlicher in den Zug kam. Sie gingen an mir vorbei, bis einer zufällig meine nicht übermäßig winterliche Aufmachung erspähte und rief: „Barfuß! Scheiße!“ Darauf antwortete ich: „Nein die liegt hier nicht. Wir sind hier doch nicht in der Deutschen Bahn!“

Kurze Zeit später betrat auch eine vermutlich 80jährige Frau den Wagen und suchte nach einem Sitzplatz. Auch sie war ziemlich beladen, allerdings nicht mit Wintersportutensilien, sondern mit einer Pappschachtel, in der sich vermutlich ein Kuchen befand (zum Glück keine Käsetorte, sonst hätte man mich fälschlicherweise für die Geruchsemission verantwortlich gemacht). Der einige nicht mit Personen oder Gepäck belegte Platz befand sich neben mir, also setzte sie sich (angewidert?) dorthin. Ich wollte mit diesem Zug bis Bellinzona fahren, einziger Zwischenhalt war Arth-Goldau. In Arth-Goldau wurde ich nicht nur die beiden Schachteln los, sondern auch einen Haufen Wintersportler. Mich überraschte es nicht, ich rechnete damit, daß diese mit dem am Nachbargleis in den aus Zürich kommenden Zug steigen würden und dann via Göschenen und Andermatt in die Wintersportgebiete. Der Zug aus Zürich war gerammelt voll, auch aus diesem stiegen viele aus und kaum jemand ein. Jetzt ahnte ich, wohin die Wintersportler wollten: Mit der Zahnradbahn auf die Rigi, um dort oberhalb des Nebelmeers die Wintersonne genießen. Die ärmsten! Die Transportkapazität dieser Triebzüge ist doch erheblich niedriger als die eines ICN oder eines Interregios/Intercitys. Und wenn dann gleich zwei solcher Züge einrollen?

Bei der Weiterfahrt waren außer mir nur noch eine Frau und ein älteres Ehepaar im vordersten Wagen. Hinter Erstfeld war es vorbei mit dem Nebel und ich konnte die Sonne durchs Zugfenster und ohne „Ölsardinenromantik“ genießen. Im Gotthardtunnel entledigte sich Frau entledigte sich eines ihrer fetten Winterstiefel und einer ihrer mausgrauen Wintersocken, um sie eine weiße Socken zu ersetzen. Dann zog sie den Stiefel wieder an. Dann folgte das gleiche noch einmal. Noch vor dem Ende des Tunnel kam die Frau mit Socken zum mir und fragte auf Französisch etwas, was ungefähr geheißen haben dürfte: „Wollen Sie Socken?“ Ich sagte: „Non!“ Es waren übrigens auch weiße Socken, nicht etwa die getragenen mausgrauen! Was soll ich mit Socken, die ich so „liebe“ wie das davon abgeleitete „Gesocks“!

In Bellinzona stieg ich aus, ohne die Jacke anzuziehen (ich war übrigens während des gesamten Aufenthalts im Tessin „unecht unbejackt“. Mit der S-Bahn fuhr ich bis Locarno. Nun hatte ich 67 Minuten Zeit bis zur Abfahrt meines nächsten Zuges. Also erst einmal in Richtung Piazza Grande. Unter anderem vernahm ich den Kommentar eines Mannes auf Schweizerdeutsch, was übersetzt ungefähr so lautete: „Das ist sicher ein Deutscher. In seiner Heimat trägt er vermutlich auch im Hochsommer immer lange Hosen, um ja nicht aufzufallen. Aber kaum ist er im Urlaub im Süden, dann läßt er die Sau raus und träg beim geringsten Sonnenstahl trägt er kurze Hosen.“ Darauf ein anderer Mann: „Aber wenigstens hat er keine Sandalen und Socken an!“ Dann die Stimme des ersten: „NEIN!“

Auf der Piazza Grande war eine gebührenpflichtige Eisbahn aufgestellt, kein Verlangen. Aber immerhin sorgte ich dafür, daß zwei Schlittschuh laufende Kinder, anstatt auf den Verkehr zu achten, ihre Augen auf das, was sich am Boden außerhalb der Verkehrsfläche befand, richteten, und prompt kollidierten. Ich ging weiter durch die Gassen der Altstadt. Ich sah eine Bullenschleuder, diese bog aber ab, so daß wir uns nicht näher kamen. Ich wurde also nicht wegen Unfallflucht gesucht. Ich ging in die Kirche „San Antonio“, in der ich bisher noch nie war. Dort war eine interessante Krippe aufgestellt, unter anderem mit barfüßigen weißen Schafen (die schwarzen Schafe hat ja Blocher aus der Schweiz gekickt, bevor er selbst als letztes schwarzes Schaf aus dem Bundesrat gekickt wurde). Interessant war auch das mit Wasser betriebene Wasserrad und der Rauch eines Lagerfeuers mit dem typischen Geruch von rauchenden Modell-Offtopic-Fahrzeugen.

Auf meinem Weg zum Bahnhof kam ich auch am Hallenbad vorbei. Ein 4radfahrer, nur mit Muskelshirt, langen blauen Jeans und Sandalen ohne Socken stieg aus dem Fahrzeug und ging ins Lido-Gebäude. Ebenso sah ich zwei Jogger in „unlangen“ Hosen. Ich erreichte die U-Bahnstation, um um 14.04 Uhr mit dem Offtopic-Fahrzeug bis Intragna zu fahren. Noch immer war es sonnig, ich hatte einen schönen Ausblick auf die wenig Wasser führende Maggia, da die Bäume nicht mehr belaubt waren. Als ich in Intragna den Zug verließ, sprach ein Deutschschweizer Füdlibürger, der einsteigen wollte, zu einem anderen: „Barfuß und kurze Hosen mitten im Winter, sicher ein Schwarzfahrer!“ Komische Logik! Vermutlich trugen an diesem Tag ALLE, die schwarz die Centovallibahn benutzten, lange Hosen und fette Schuhe!

In Intragna hatte ich eine Stunde Zeit, bis zur Weiterfahrt. Als erstes ging ich in die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Südschweiz. Auch hier war eine Krippe aufgestellt. In der Kirche war es recht kalt, auch in den Gassen. Aber unweit der Hauptkirche, auf einem Rasenstück vor der kleinen Kirche, schien noch die Sonne, knapp oberhalb der Bergkette liegend. Von hier hatte ich einen herrlichen Ausblick auf die filigrane Eisenbahnbrücke, die dahinter liegende Straßenbrücke und den Brückenrest der früheren Straßenbrücke. Sogar eine Luftseilbahn gab es hier. Hier oben machte ich eine Essenspause. Ich wartete noch solange, bis pro Richtung je ein Panoramazug über die Brücke fuhr, mittlerweile war die Sonne hinter der Bergkette verschwunden.

Um 15.26 reiste ich mit dem nächsten „Bummler“ zum Grenzort Camedo. Über barfußfreundliche Treppenwege gelangte ich an der Kirche vorbei an eine Straße, die wieder in der Sonne lag. Ich ging bis zu dem Platz, von wo ich auf eine ebenfalls filigrane Eisenbahnbrücke und den teilweise zugefrorenen Stausee sah. Ich wartete, bis mein Bummler wieder über die Brücke zurück nach Locarno fuhr, dann ging ich durch den Ort zurück zum Bahnhof. Ungefähr gleichzeitig erreichten mein Schnellzug nach Domodossola und ich den Bahnhof. Der Zug war ziemlich voll und ich der einzige Fahrgast, der in Camedo zustieg. Etliche drückten sich ihre Nasen an den Fenstern platt als ich mich näherte (Arztrechnungen wegen eines gebrochenen Nasenbeins hab ich von den geschädigten Personen noch nicht bekommen).

In Re stieg eine Gruppe aufgedonnerter junger „Damen“ in den Zug. Sie suchten Sitzplätze und gingen an mir vorbei. Die erste blieb stehen, glotzte nach unten, ging weiter, die zweite tat genau so, Gruppenzwang ist Gruppenzwang! Als alle vorbei waren, vernahm ich das Gekicher des albernen Weibervolks. Fast hätte ich geglaubt, ich befände mich nicht im „Centovalli-Expreß“, sondern im „Glottertal-Expreß“. Aber derartiges sind doch Peanuts im Vergleich zu der schönen (hier verschneiten) Landschaft, durch die der Zug glitt. Als er Domodossola erreichte, war es gerade dunkel geworden.

12 Minuten später fuhr mein Regioexpreß nach Brig. Zwei besoffene Männer bestiegen ebenfalls den Zug. Lallend sprachen sie auf Schweizerdeutsch: „Der will so in die Schweiz!“ Darauf der andere: Den schickt die Grenzwacht gleich wieder zurück zu den blöden Spaghettifressern.“ Nachdem sie an mir vorbei waren, sagte ich: „Bünzlischweizer!“ Nach einer Pause: „Bünzlischweizer hat er gesagt, woher kennt dieser Itacker bloß dieses Wort!“

Um 18.16 Uhr erreichte der Zug Brig, mein Anschluß fuhr erst um 18.49 Uhr. Also raus aus dem Bahnhof rein in die Altstadt. Da in Brig Schnee lag, war die Kleidung der anderen doch geringfügig winterlicher als meine, soll heißen: Niemand außer mir war barfuß oder bluttbeinig. Bereits im überdachten Bahnhofsbereich fingen einige meist Jugendliche blöd an zu lästern. Und als ich dann noch das Bahnhofsgebäude verließ, waren sie völlig sprachlos. Die Straßen selbst und die Trottoirs waren von Schnee geräumt, jedoch sehr naß. Also ging ich schnellen Schrittes. Ich vernahm ein lautes „Halt“. Dem Tonfall nach stammte es aber nur von nicht ernst zu nehmenden Jugendlichen und nicht von (eigentlich erst recht nicht ernst zu nehmenden) Oberwalliser Obrigkeitsangehörigen. Auf dem Weg zum Stockalper-Pallast trat ich in einen Glassplitter, den ich aufgrund der ebenso glänzenden einzelnen Schneekristalle am Bordsteinrand nicht gesehen hatte. 5 Meter weiter fand ich die Scherben eines Bierglases. Ohne Schwierigkeiten konnte ich den Splitter aus der Fußsohle ziehen, sofort war die Stelle schmerzfrei. Auf dem Rückweg zum Bahnhof kam ich noch an der (nicht gebührenpflichtigen Eisbahn) vorbei. Darauf waren nur ein paar wenige kleine Kinder mit in Begleitung von Erwachsenen. Die total winterlich vermummten Kinder machten große Glotzaugen, als ich barfuß und in kurzen Hosen ein paar erste vorsichtige Schritte auf dem Eis machte (ich wußte ja nicht, ob es „warmes“ oder „kaltes“ Eis war. Ich ging 2 Runden über die Eisfläche, und zwar von Schlittschuhläufern Abstand haltend. Ein Frau sprach im breitesten Oberwalliser Dialekt: „Das ist kalt!“ Gemäß „Immenstädter Yetiskala“ war das Eis nur „mäßig warm“.

Der Zug in Richtung Bern war ziemlich voll. Neben und mir gegenüber war noch Platz. Ein Ehepaar mit zwei kleinen Hunden sprach mich an, ob ich aus der Region Zofingen käme, sie hätten mich schon öfters dort auf dem Velo gesehen. Dann kamen wir ins Gespräch in Sachen Gesundheit usw. Selbstverständlich konnte ich es nicht verkneifen, wieder einmal einen Seitenhieb auf die Schweizer Polizei auszuteilen. Worauf der Mann antwortete: „Ihnen sieht man gleich an, daß Sie harmlos sind. Und wenn die Polizei wegen Ihnen unterwegs ist, hat sie einen Grund, nicht rechtzeitig am Ort zu sein, wo es wirklich gefährlich ist. Die haben einfach Angst. Bei uns in der Nachbarschaft hat ein 6jähriger mal am 2. August einen winzigen Knallkörper gefunden, der beim 1-August-Feuerwerk nicht gezündet hatte. Er entzündete ihn, und 5 Minuten später war die Polizei da und hat die Eltern des Knaben gebüßt. Auch von dem Kind ging keine Gefahr für die Tschugger aus.“

Ich wollte nicht auf dem kürzesten Weg nach Zofingen, sondern wählte einen 2 Stunden längeren, mit Umsteigen in Thun, Konolfingen, Langnau und Luzern. Die Strecke Thun, Langnau bin ich übrigens noch nie mit der Bahn gefahren, wohl aber etliche Kilometer auf mehr oder weniger parallel verlaufenden Straßen (Kkorinthenkkakker mögen das Wort „parallel“ nicht allzu eng sehen) mit dem Velo.

Schöne Grüße
Michael aus Zofingen


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